Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 156)
- Language
- German
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154 Röschen wieder auf und reibt sich zur Abwechslung mit dem Kantentuch an der kleinen Mopsnase herum. Schönhauser Allee? Das war doch der alte Friedhof. Da wurde höchstens noch mal solch ein vergessener Nachzügler aus einer längst schon verschollenen Familie, die seit drei Generationen heruntergekommen war, in eine noch leere Stelle eines Erbbegräbnisses mit eingeschoben. Für die andern war längst schon Weißensee der letjte Ausflugsort. »Wer ist denn noch gestorben, Tante Rosalie?« fragte ich zaghaft. »Mein Mann«, preßte die Tante mit leiser Fistelstimme hervor und versuchte vergebens, die Tränen zu bekämpfen. »Mein Robert.«. »Aber Tante Röschen«, sagte ich, »das kann dich doch nicht so überraschen. Daran mußte dich doch nu langsam gewöhnt haben. Das ist doch nun schon nächstens dreiunddreißig Jahre her.« Denn, wenn auch mein Onkel Robert das mit Friedrich dem Großen, Hannibal und Karl dem Dicken gemeinsam hatte, daß er vor meiner Zeit war, so hatte ich ihn doch auch in der Familiengeschichte, genau wie die andern in der Geschichtsstunde, mit Namen, Daten und Fakten auswendig lernen müssen, und wußte über Onkel Robert soviel Bescheid, daß die Ehe mit Tante Rosalie gar nicht so prima prima gewesen sein sollte, obwohl der Onkel Robert von Beruf Reisender war, was sonst das eheliche Leben sehr erleichtert, weil man sich in zwei Monaten im Jahr viel weniger zanken kann, als in zwölf. Er mag ja sein kleines und, wie das alte Ölbild über dem Sofa verriet, ehedem zum Verlieben reizendes Frauchen, eben die gleiche, die heute mit den Ohrenklappen und dem Respirator da weinend in der Pferdebahn saß, gewiß geliebt haben auf seine Art, sicher war es aber, daß er, denn er war Reisender, und da lag das nahe, einen guten Tropfen noch mehr liebte und es vorzog bei der Table d'hote täglich zwei bis drei Flaschen zu trinken, was nach der Aussage der Familie durchaus nicht ohne Einfluß auf sein vorzeitiges Ableben — er stand erst im besten Mannesalter — gewesen sein soll, da er bei der Table d'hote im »goldenen Lamm« in der schönen Stadt Coblenz bei dem Versuch die vierte zu trinken und dieses Training also noch zu steigern, sich übertrainierte und ziemlich lautlos — so berichtet die Familienchronik — unter den Tisch sank. Etwas, was man zuerst für einen kleinen komischen Zwischenfall hielt, der