Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 153 (sequence 155)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4919024-4920015--0948-4920170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

153 Angenommen!) Tante Röschen hatte also ihre Ohrenklappen umhehalten, aher den Respirator, den sie sonst wie ein Peclipflaster vor den Mund patschte, wenn sie aus dem Haus trat, hatte sie nehen dem Pompadour über das dickliche Handgelenk hängen, das, immer noch rosig, durch die Maschen ihrer Filethandschuhe schimmerte. Sie war, wie ich schon andeutete, Tante Röschen . . . also die Tante Rosalie mit ihren Rosinenaugen, eine jener kleinen Dickchen von Frauen, die, wenn sie in der Straßenhahn sitjen, weil doch alles da für Erwachsene eingerichtet ist, mit den Füßen nicht auf den Roden kommen und die Reine deshalb baumeln lassen müssen. Sie war, wie immer, sehr adrett dabei, und sie hatte auch die violetten Rindebänder, die Samtbänder ihrer Kapotte, heute zu einer besonders kunstvollen Schleife gebunden, die ihr wie ein Riesenstiefmütterchen unter dem Doppelkinn hing. Und sie schüttelte trübselig und schluchzend ihre Kapotte, daß davon auch das Riesenstiefmütterchen wie eines im Märzwind, das sich zu früh herausgewagt hatte, leise und wie fröstelnd erzitterte. Sonst sah sie dabei aber ganz quick aus, durchaus nicht etwa krank, nur sehr unglücklich, die Tante Röschen. Und sie lächelte mir als ihrem allerjüngsten Neffen, denn meine Mutter war ja ihre jüngste Schwester gewesen und ich wieder deren jüngster Sohn, und so kam es, daß sie über ein halbes Jahrhundert älter war als ich, freundlich zu, und schluckte dabei auf, und put»te sich mit einem Kantentuch die Tränen aus den Augenwinkeln. Was in Oreiteufels Namen macht um zwei Uhr mittags an einem Wintertag, am zwölften Dezember des Jahres 1895, um zwei Uhr Tante Rosalie in einer Pferdebahn auf dem Potsdamer Platj? Und warum weint sie, hat eine rote Nase und lächelt mir dabei zu? Da stimmt etwas nicht! »Aber, Tante Rosalie«, sage ich, »was ist denn los? Was weinste denn?« »Ich komm' vom Friedhof«, schluchzt Tante Röschen. »Ach«, sage ich mitleidig, »wer ist denn gestorben?« Wenn's jemand aus der Verwandtschaft gewesen wäre, hätte ich es doch eigentlich auch wissen müssen. Denn zu solchen Familienfeiern, wenn auch weniger zu den andern, wurde ich immer zugezogen. Das schickt sich, daß man bei soetwas nicht fehlt. »Von der Schönhauser Allee komme ich«, schluckt Tante

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.