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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 152

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 152 (sequence 154)
Language
German
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152 von vierundzwanzig Jahren, wie ich es damals war, hätte;— auch wenn er Nachmittag wieder ins Geschäft mußte — das doch immerhin möglich, jedenfalls nicht ganz unmöglich sein können. Also das wirklich nicht. Außerdem wäre ich viel zu diskret, um soetwas öffentlich zu erzählen. Eine Dame zwar spielte ja auch dieses Mal eine Rolle. Aber nicht so frivol vielleicht, wie man denkt. (Ich kenne doch die Menschen: sie denken immer gleich das Schlimmste, weil es das Nächstliegende ist.) Nein, nur in allen Ehren und sehr anständig. Also — wer saß da hinten in der Ecke? Zehn gegen eins. .. das rät niemand. In der äußersten, hinten neben der Tür, rechter Hand, neben der Tür zum Kutscher — wer? — und weinte und schluchzte mit ganz roter Nase vor sich hin? Meine Tante Rosalie höchstselbst. Meine leibliche Tante. Ihre richtige Mutter war mal, wenn ich diesen Vorzug auch nur ein Jahr genossen hatte, meine richtige Großmutter gewesen. Und, daß Tante Röschen da saß, war aus vielen Gründen nicht nur beachtenswert, sondern erstaunlich. Denn erstens ging Tante Rosalie nicht mehr gern aus. Vor allem nicht um den zehnten Dezember und bei schlechtem Graupelwetter. Denn sie hatte Asthma wie ein überfütterter Mops, dem sie auch sonst ähnlich sah, wenigstens so im Habitus und Gesicht. Nicht in der Gemütsart und im Phlegma. Und ferner, wenn sie schon ausging, fuhr Tante Rosalie nicht Pferdebahn, sondern stets Droschke erster Güte. Nicht etwa aus Protjcrei . . . aber sie konnte leichter in eine Droschke als in eine Straßenhahn einsteigen, die auch zumeist, sobald sie sich anschickte, damit anzufangen, abklingelte und weiterfuhr. Tante Rosalie war nämlich nicht viel höber, als sie breit war. Aber sonst und trotjilcm war Tante Röschen das, was man eine reizende alte Dame nennt. Und drittens weinte Tante Rosalie nicht, wenn sie Pferdebahn mal wirklich fahren mußte. Weil sie eine alte Dame von durchaus heiterer Gemütsart war. Was doch bei alten Damen so um die sechsundsiebzig herum eine Seltenheit ist. Ihre Figur und ihre Korpulenz paßte auch stilistisch zu ihrer heiteren Gemütsart besser, als es das Gegenteil gepaßt hätte. Die schwarzen Ohrenklappen hatte Tante Röschen (wir müssen uns einigen: wollen wir sie Rosalie oder Röschen nennen?! Also — die Mehrheit votiert für Röschen. Gut.

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