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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 149

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 149 (sequence 151)
Language
German
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149 aufhielten. Das Geschäft wurde immer schlechter, die Lebenshaltung bescheidener. Die Zeichen der Zeit immer lesbarer. Immer bcftiger wühlte, von der Republik ungestört, die Reaktion gegen die Juden, und schließlich kam Hitler. Die jungen Menschen, der Rechtsanwalt und die Apothekerin, begriffen eher, was los war, als die älteren Leute: ihre Augen, durch die jüdische Jugendbewegung geschult, richteten sich auf Palästina. Sie gingen auf Hachscharah, warfen ihr Studium hinter sich, lernten Landarbeit, harte Arbeit; und im Jahre 33 erhielten sie ihre Zertifikate. Eine Zeit verbrachten sie in Zelten als Mitglieder eines Kibuz; dann war das Klima stärker als sie, ging die Arbeit über ihre Kraft. Sie zogen in die kühlste Stadt des Landes, nach Jerusalem, wo sie Verwandte hatten. Der Rechtsanwalt arbeitete im Steinbruch, die junge Frau als Osereth. Ihre Arbeitgeberin ist mit ihr sehr zufrieden; anscheinend herrscht eine gute Beziehung zwischen ihnen. Ihre Eltern aber wohnen nicht mehr in der kleinen schlesischen Landstadt. Der Vater hat das Geschäft nicht halten können, denn die Landleute kaufen nicht mehr an der alten Stätte, beim Juden A., bei dessen Vater schon die Eltern gekauft hatten. Sie zogen nach Norden, versuchten es in einer ähnlichen Landstadt der Mark Brandenburg, in Gemeinschaft mit einem anderen jüdischen Kaufmann. Auch dorthin folgte ihnen der Boykott und der Ruin. Sie werden, längst von Organisationen und Verwandten unterstütjt, Unterschlupf in Berlin suchen; dort wird sich der legte Akt des Dramas abspielen. In dem schlesischen Städtchen aber, in dem die Familie so lange blühte, zeugen nur noch eine Anzahl Gräber von der Vergangenheit. Sie hat ihre Juden nicht ausgetrieben, die Stadt mit der Jesuitenkirche und dem alten Gymnasium, sie sind »von selber« fortgezogen, hinausgequetscht durch den kalten Pogrom. Vor ein paar Tagen hielt ich eines der Bücher in der Hand, das aus der Bibliothek der Urgroßeltern jener Osereth stammt: Novellen des bedeutendsten österreichischen Erzählers Adalbert Stifter, mit dem Bild des Verfassers in Stahlstich und der Jahreszahl 1846.

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