Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 150)
- Language
- German
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148 seiner Flöte. Außerdem besaß er eine unheimliehe Gabe: er träumte Wahrträume, die ihn von kommendem Unheil unterrichteten. Von dem letjten dieser Träume weiß ich aus dem Munde einer seiner Töchter., Damals war seine Frau sehr krank, eigentlich hoffnungslos. Er sagte dieser Tochter eines Morgens früh: »Ich fürchte, es wird etwas mit der Mutter geschehen, diesmal war es sehr nahe an mir.« Was dieses »es« war, erklärte er nicht, fügte die Tochter hinzu, er gab niemals Erklärungen solcher Dinge, wie ich ja auch ungern davon spreche. (Diese Tochter nämlich hatte seine Gabe geerbt.) Am Abend war er tot. Es war wirklich dicht an ihm gewesen: ein Schlaganfall. Er hinterließ drei Töchter und einen Sohn, den Vater der Osereth. Ich kannte Bilder von ihm, auf denen ein junger Mann von dem damals neuen Fahrzeug herunterlächelte, dem Veloziped, jenem Urtyp des Fahrrads, mit einem mannshohen Vorderrad und zwei kleinen Hinterrädern. Er machte den Krieg als Unteroffizier mit, er hatte eine Tochter aus angesehener jüdischer Familie der Provinzialhauptstadt zur Frau, alle seine Schwestern waren verheiratet, einer seiner Schwager ein reicher Mann. Er besaß keinen Sohn, aber eine Tochter, die Osereth, ein kluges Kind, gut aussehend, eine ausgezeichnete Schülerin des Lyzeums. Sie sollte studieren, das war alsbald beschlossene Sache. Sie interessierte sich sehr für Medizin, aber die ärztliche Laufbahn galt schon als überfüllt; so ging sie von den Ärzten zu den Arzneien über, studierte Pharmakologie, machte ihre Examina, war geprüfte Apothekeriii. Während ihres Studiums lernte sie einen jungen Juristen kennen, und sie heirateten, etwa zwei Jahre vor dem Hitler-Einbruch. Inzwischen hatte die Krise begonnen, die sich erst auf dem flachen Lande und gleich darauf in den Städten bemerkbar machte, die von Landkundschaft abhingen. Der Kampf um die schmäler werdende Käuferschaft wurde von der heraufkommenden Nazipartei schnell ins Antisemitische umgelenkt. Die jüdische Gemeinde dieser Stadt war niemals ausgetrieben worden, aber jetjt wurde sie ausgehungert. Immer mehr Familien verließen den einst blühenden Ort. Der Kaufmann A., Vater der Osereth, blieb. Er war Kriegsteilnehmer, preußischer Unteroffizier, politisch immer bürgerlich und staatstreu: man mußte versucheu, diese schlechte Zeit zu überstehen. Sie würde vorübergehen wie so manche andere. Antisemitismus hatte es immer gegeben, aber die Juden überdauerten ihn, wenn sie nur