Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 149)
- Language
- German
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147 notorisch. Die kleine Stadt, katholisch und seit dem 17. Jahrhundert von Jesuiten stark beeinflußt, war stolz darauf, ihre Juden niemals ausgetrieben zu haben. Ihr geistiges Leben sah auf eine lange Vergangenheit zurück. Auf ihrem Marktplatj stand das Denkmal ihres berühmtesten Sohnes, der der bedeutendste deutsche Lyriker des 17. Jahrhunderts gewesen war und auch in der Einbürgerung Shakespeares in Deutschland eine wichtige Rolle gespielt hatte. Einige Männer der Familie P. besaßen gute Bücher und lasen viel. Ihre Geistigkeit ging-auf die zahlreichen Töchter dieser Generation über, deren ich noch mehrere kannte — alte Frauen, alte Fräuleins, als ich ein Kind war, und alle unverwischbar in mein Gedächtnis eingegraben. Eine dieser Töchter wurde die Großmutter der Osereth. Als ich sie die letjten Male sah, war sie an achtzig alt, eine schwierige und ungeduldige Greisin, voll innerer Güte, die eine Vorleserin sehr plagte, weil sie ihr die moderne Literatur ihrer Jugend vorlesen mußte, die Romane von Dickens, die das junge Mädchen sehr langweilten. Ihre Töchter erzählten mir, wie sehr die Mutter sie ihres Mangels an politischem Interesse wegen zu tadeln und herabzusehen pflegte. »Wir«, sagte sie immer, »wir jungen Leute von 1848 hatten andere Gedanken im Kopfe und andere Interessen im Herzen als ihr mit eurem Geldverdienen und Reisen-machen. Wir hatten Ideale, wir kümmerten uns um den Kampf innerhalb der Gesellschaft.« Diese Frau hatte einen Mann geheiratet, der aus Plozk in Polen eingewandert war. Er war genau so merkwürdig wie sie, nur in völlig anderer Weise. Er war nach Preußen gekommen, hatte sich zum Militär gestellt, war angenomden worden, diente die damalige Dienstpflicht von drei Jahren bei der Infanterie -— er war riesengroß, breitschultrig, mit hellen grauen Augen. Von Beruf war er Schneider, ihn übte er nach seiner Verheiratung aus, sein Geschäft erweiterte sich, nahm fertige Waren, Konfektion in Anfertigung und Verkauf, es blühte. Er wurde ein wohlhabender Mann. An den Markttagen versorgte sich die Bevölkerung des flachen Landes mit Kleidungsstücken bei ihm, denn die Volkstrachten mit ihren unabnutjbaren Tuchen wurden von der modernen Zeit und Lebensstimmung unaufhaltsam verdrängt. Den Sinn seines Daseins aber sah der Großvater der Osereth nicht in dieser Beschäftigung im Laden und der Werkstatt. Seine Leidenschaft gehörte drei Dingen, dem Talmud, dem Schachspiel,