Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 122)
- Language
- German
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1?0 keit und Sinnenfreudigkeit sind bezeichnende Züge seiner Dichtung; er nennt die Dinge mit einfachen Namen und erlebt sie primitiv. Seine geschärfteren Sinne aber und die Reizbarkeit seines künstlerischen Temperaments lassen niemals den Juden in ihm vergessen. Im Formalen ist er traditionell im besten Sinne, aber nie konventionell: dem Experimentierenden der modernen europäischen Dichtung steht er so fern als nur möglich. Am ehesten lassen sich noch Berührungspunkte mit dem slawischen und rumänischen Volkslied der Landschaft, in der er lebt, feststellen, aber höchstens in der inneren Melodik, dem Brunnentop seines Gedichts; und man muß in der jüdischen Dichtung sehr weit, vielleicht bis zu den Anfängen, zurückgehen, um Anklängen an die erdhafte Bukolik Moses Rosenkranzens oder der primitiven Erotik Rose Ausländers zu begegnen. Ein einziger der in der nachstellenden kleinen Auslese berücksichtigten Bukowiner jüdischen Dichter, Ityig Manger, — er schreibt aber auch Bukowiner Jiddisch und seine Gedichte sind hier verdeutscht — schöpft aus dem Vollen des jüdischen Volkstums, Volkslieds und Folklore«, aus Elementen, die sich noch heute im Osten in ihren traurigen und heiteren, anmutigen und abstoßenden Zügen präsentieren; aber auch Manger ist in seiner urwüchsigen und erdverbundenen Derbheit ein typisches Kind der Bukowiner Landschaft. Der jüdische Leser aber, der sich mit liebender Teilnahme den nachstehend mitgeteilten Proben jüdischer Dichtung aus der Bukowina nähert, wird sich belohnt und innerlich bereichert finden durch die Bekanntschaft mit einem reizvollen und eigenartigen, fremden und doch so vertrauten Aspekt des schöpferischen Lebens unseres Volkes.