Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 119)
- Language
- German
- Belongs to
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117 sieht des andern. Haber bückte sieh über die Tischplatte und sprach leise: »Ihre Königliche Hoheit ist in Hoffnung.« Der Großherzog sprang auf, mit blassen Lippen; er ging an dein Mann vorbei, wortlos, ohne ihn anzusehen, ohne ihn zu streifen. Er trat ans Fenster und sah hinaus; seine Schultern hoben und senkten sich, als ob er schwer atmete. Plötjlich drehte er sich um; seine Züge waren etwas verzerrt. »Sagten Sie etwas, eher Baron?« fragte er etwas heiser. Haber betrachtete ihn, maßlos erstaunt. Der Fürst ging langsam auf ihn zu, mit gequältem Lächeln: »Sie haben nichts gesagt, Herr von Haber! Begreifen Sie! Nichts!« Haber wurde blutrot im Gesicht. Der Großherzog setjtc sich wieder an den Schreibtisch. Seine Hände zitterten; doch er sprach jetjt mit freundlicher Stimme: »Was ich noch fragen wollte, Baron Haber: würden Sie es für ratsam halten — Sie kennen ja die Stimmung der akademischen Jugend - jetjt gegen den Universitätsprofessor Häberlin das Disziplinarverfahren einzuleiten? Der Mann ist gefährlich; seine Ideen riechen peinlich nach den Ausdünstungen des toten Pfandhausschreibers und Grafen Saint-Simon, — aber er ist bei den Studenten beliebt und persönlich ehrenhaft.« Haber sah ihn lange an: »Sie fragen mich noch um Rat, Königliche Hoheit, mich?« Der Fürst lächelte ein wenig. »Ich frage Sie und werde Sie um Rat fragen, Baron. Ich bin aus etlichen Gründen, von denen meine Stellung im Staat der wichtigste, aber nicht der tiefste ist, anders wie andre Männer. Das gibt, so fehlerhaft ich sonst sein mag, gewisse Meisterschaft in manchen Dingen der Beherrschung. So kann man mich verwunden, und ich lasse doch kein Blut sehen, Monsieur.« Haber verbeugte sich tief: »Ich bewundere Sie, Hoheit«, sprach er ernst. — Dann sagte er seine Meinung über den Fall Häberlin. * Gegen seine Gewohnheit blieb der Fürst den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer und war für niemanden zu sprechen, auch nicht für seine Freunde. Zur Mittagsstunde hatte er sich bei der Großherzogin entschuldigen lassen und einen kalten Imbiß in sein Kabinett befohlen. Er überlegte bis zum Abend, ruhelos auf und ab gehend, zu-