Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 118)
- Language
- German
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116 »Sie haben mein volles Vertrauen, lieber Baron. Bitte, sprechen Sie«, sprach er mit verlegener Jovialität. Haber strich sich über die Stirn. »Es ist große Offenheit erforderlich, königliche Hoheit«, begann er ernst, »aber bedenken Sie bitte von Anfang an, daß ich aus absoluter Berechtigung und unumgänglicher Notwendigkeit spreche, auf keinen Fall aber aus einer subalternen Anmaßung, der man den Mund verbieten könnte, oder als Fürsprech eines andern. — Es handelt sich möglicherweise um den Thronfolger.« Der Fürst sah ihm in wachsender Erregung auf den Mund; bei den letjten Worten blinzelte er gequält mit den Augen; in seinem Hirn stauten sich vor der Unbegreiflichkeit des Gehörten tausend Mutmaßungen. Hatte der Mann den Verstand verloren? Oder aber — und seine blasse Stirn zeigte winzige Schweißtropfen — bekannte dieser Mann jetjt Farbe, plante er verwegenen Staatsstreich, war er der Ursurpator, wie man es ihm zuschrieb? »Aber . .. aber ... lieber Herr«, stotterte er, »ich begreife Sie wahrhaftig nicht! — Sie wissen doch, daß meine Ehe kinderlos ist und... es wahrscheinlich — wahrscheinlich bleiben wird — und daß die Kinder meines Bruders legitime Rechte ... also was soll das?« Haber stand auf und ging langsam nahe an den Schreibtisch heran; der Fürst wich sitzend zurück, preßte Kopf und Rücken mit hochgezogenen Schultern gegen die Lehne und tastete in plötzlicher Todesangst nach der Glocke. »Mensch, was wollen Sie!« schrie er. »Mein Gott, beruhigen Sie sich, Hoheit!« rief Haber unwillig; »verdiene ich diesen Verdacht?« Der Kürst preßte das Tascbenliicli auf Mund und Stirn. »Verzeihen Sie mir, lieber Baron«, flüsterte er, »verzeihen Sie mir.« Ks ist notwendig , fuhr Ilaber fort, »daß von unserm Gespräch die Außenwelt nichts erfährt. — Deshalb bitte ich Sie, Hoheit, bitte ich Sie dringend, in Ihrem Interesse, den Schrei eben für die Ohren des Vorzimmers zu korrigieren. Ich bitte Sie, Hoheit, sehr laut zu lachen.« Der Großherzog sah ihn eine Sekunde fassungslos an. Habers Gesicht war hart und kalt; seine Augen schienen seltsame Tiefen zu haben; sie zwangen, den Blick abzuwenden und zu gehorchen. Schon lachte der Fürst schallend — sein Gesicht blieb bestürzt. Haber fiel mit lautem Gelächter ein. Dann schwiegen beide. Die Augen des Fürsten klammerten sich wieder gefoltert und fragend an das Ge-