Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 115 (sequence 117)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4919024-4920015--0910-4920132
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

115 Haber nabin sieb zusammen; die Scharfsichtigkeit des Fürsten verblüffte ibn: er durfte den Gegner nicht unterschätjen. »Etwas Ernstes, königliche Hoheit«, sagte er sehr ruhig. Der Großherzog ging mit seinem schlenkernden, knieweichen Gang an den Schreibtisch zurück, setjte sich und bot dem Bankier einen Sessel an. »Also schlechte Nachrichten aus Wien?« seufzte er. »Herr Metternich ist also noch immer unzufrieden? Großer Gott, ich kann meine liberalen Universitätsprofessoren nicht kurzerhand suspendieren!« Haber sah durch die mächtigen Fenster auf die kahlen Bäume des Schloßgarlens. Das Arheitskabinett des Fürsten war ein großer beller Baum, mit ernster grauer Stofftapete bespannt, mit wenigen wuchtigen Möbeln bestellt, voll einer nüchternen Buhe, die dem Bankier wohl tat und die kurze Welle der Erregung zu überwinden half. Die Erregung war gekommen, als er, eintretend, von der Güte des Herrschers gefangen, einen Augenblick die gefährliche Frage wagte, warum er diesen zugetanen und hochgestellten Menschen in solchem Maße zu erschüttern willens sei. Doch es war nur ein Augenblick — und die gleichsam harte Antwort des schon zum Ziel hinarbeitenden Hirns riß ibn aus jenem Gefühl der Dankbarkeit oder der Bequemlichkeit. Sein Leben zudem hatte ihn gelehrt, der straffen Weisung des einmal gefaßten Willens zu folgen und nicht den unkontrollierbaren Begungen des Gemütes. »0 nein, königlicbe Hoheit«, sagte er verbindlich, »keine Politik dieses Mal. Oder sagen wir: keine akute Politik.« »Dann schenken Sic mir einen guten Tag«, lächelte der Großherzog. »Ich weiß es nicht, Hoheit«, entgegnete Haber leise. Der Fürst sah ihn erstaunt an und zog fragend die Augenbrauen hoch. »Verzeihen Sie, mon eher baron«, sagte er, »aber es gehört meiner Erfahrung nach zu Ihren Tugenden, dergleichen zu wissen.« Haber beugte den Oberkörper etwas vor. »Sehr gut, Hoheit; so muß ich sagen, daß dieser Tag für Sie schwer sein wird, sehr schwer. Er wird Sie so viel Mut und Selbstüberwindung kosten, mir zuzuhören, wie mir, also zu meinem Fürsten zu sprechen. —- Er wird Ihre Meinung von meinen Tugenden auf eine harte Probe stellen.« Der andere zupfte ratlos an seinem Backenbart.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.