Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 106)
- Language
- German
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104 die Geschichte des deutschen Dramas gibt und das ein durchaus heutiges Buch wurde, in dem unsere Tage leben und die Sorge eines »Geistigen aus Leidenschaft« bang zittert. Aber noch einmal, vor der endgültigen Gestaltung und Durchdringung, muß Zweig gegen den Krieg schreiben. Dieses Buch soll und wird die Befreiung und mit ihr die Gangbarkeit in neue Begionen bringen. Sechs Novellen, farbig wie der »Begenbogen«, und wie bei diesem aufeinander abgestimmt, ergeben einen Novellenband dieses Namens. Die letzte Novelle dieses Buches jedoch ist bereits der neugeborene Zweig, der das Schwere überwunden hat. In »Pont und Anna« ist Zweig bereits (und endlich wieder) der große Erzähler, der tief schürft, der die Menschen versteht und in sich aufnimmt, der durch eine Landschaft in Verzückung gerät und, nun berauscht, sie in all ihrer Farbigkeit schildert; aus ihm singt es dann jubelnd und brausend: Tränen aaubert er hervor, wenn er, dann ganz deutscher Mensch, demütig und seelisch jauchzt und den Herzschlag der Natur auffängt, um ihn in den Seiten eines Buches klingen und singen zu lassen. In »Spiegel des großen Kaisers« fabuliert Zweig wie früher, nein besser: noch farbenprächtiger! Alle Bitterkeit ist von ihm genommen. Souverän gestaltet und bildet er wieder nach seinem Willen, läßt er seine schöpferische Pbantasie schalten und walten. Diese reine Dichtung um Friedrich II. ist nicht Novelle und kein Märchen, diese Erzählung gleicht einer Legende, in der die Lebenslust sebäumt und trog allen Warnungen triumphiert. Wenn wir den »Streit um den Sergeanten Grischa«, die »Junge Frau von 1914« und »Erziehung vor Verdun« lesen, dann ist uns Deutschland auf eine erschreckende Weise psychologisch völlig ergründet, dann erfahren wir ferner aus diesen Dichtwerken die Stellung und Haltung, das Denken und Empfinden der Juden Deutschlands. Diese Romano sind aufschlußreich und ein für die Geschichte der Menschheit wichtiges, etbisch begründetes Werk. Was Zweig, dichterisch geformt, in uns erregenden und aufwühlenden, seelisch packenden Erzählungen grandios klarlegte, wird er noch einmal, sachlich und philosophisch fundiert und auch geschichtlich erhärtet und wegen seiner Anteilnahme höchst lebendig, in der »Bilanz der deutschen Judenheit« als Bekenntnis des Dichters und auch als Wegweiser für alle Juden aussprechen. Wenn Zweig von sich sagt: »Dennoch bleibt das größte Glück hienieden: manchmal Dinge ausführen zu dürfen, die man aus heller Leidenschaft und Liebe tut; einen