Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 105)
- Language
- German
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103 lieh ist und allem Ausgeklügeltem und Ausgetüfteltem fernliegt. Denn Arnold Zweig ist im Tiefsten demütig und empfindet vor allem Sein Ehrfurcht, da er die Heiligkeit allen Seins fühlt. So und nur so bringt er seine Geschöpfe unserem Herzen derart nah, daß wir mit ihnen leiden und an ihrem Ergehen teilnehmen, daß sie uns nicht Fremde sind, daß wir glauben, durch unsere Sympathie ein Recht an ihnen zu haben. Der Krieg mußte Zweig übermannen. Der so ganz im Seelischen wurzelt und bis in die Fingerspitjen kultiviert ist, der die Seele des Geistigen gedeutet hat und der immer äußerst zart in das Wesen und auf das Wesentliche drang, der ein Ästhet war und die gebildeten Menschen der Vorkriegszeit mit allen ihren Nöten und seelischen Komplikationen meisterhaft gezeichnet hat, mußte durch die bitteren Jahre in seinem Schaffen unterbrochen werden. Die Judenverfolgungen in seiner Heimat konnten ihn nicht so schwer treffen, wie ihn das europäische Unglück des Weltkrieges berührte. Gerade Zweig hatte niemals daran gezweifelt, daß das Vertragsverhältnis zwischen den Juden und ihrem Wirtsvolk nur einseitig bestünde. Gerade Zweig, der bewußte und überzeugte Jude, gab sich keiner falschen Auffassung hin, daß Deutschlands latenter" Antisemitismus bei gegebenem Anlaß die Juden in ihrer Ehre und auch in ihrem Lebensnerv treffen würde. Gerade Zweig, der vor allem Sein ehrfürchtig und gläubig sich neigte, mußte dem Krieg fassungs- und verständnislos gegenüberstehen. Und noch Jahre nach seiner Beendigung war Zweig zum Schweigen verdammt, da er sich vom grauenhaften Erlebnis nur langsam und schwer befreien konnte. Dann kam sein erstes Buch, das aus brennender Liehe und gerechter Empörung entstanden war und mit dem er aktiv eingreifen wollte, mit dem er Menschen auf leidende Brüder hinzuweisen und ihnen so Hilfe zu bringen erhoffte. »Das ostjüdische Antlitj«, »ein Buch, geflossen aus einer Leidenschaft und einem Vorsaß, zu einer ungünstigen Zeit der Seele, wurde dennoch durchgesetzt und beendet« und ist menschlich erschütterndste Prosa. Wieder vergingen einige Jahre, bis »Frühe Fährten«, Novellen in tastender Zagheit und leiser Behutsamkeit erschienen, die bei all' ihrer Schwere und Trauer des Dichters Gläubigkeit durchschimmern lassen. Die drei Versuche »Lessing, Kleist, Büchner« sind ein herrliches Buch geworden, das Zweig als einen Essayisten und Ethiker von Temperament mit einem heißen Herzen zeigt, das;— in gewissem Sinne —