Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 102 (sequence 104)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4919024-4920015--0897-4920119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 Selbstbewußtsein, sprechen den Dichtern übermenschliche Kräfte zu und stellen sie anderen Menschen voran. Mit welch' innerer Hingabe, mit weither seelischen Überzeugung, aber auch mit was für einem großen Vertrauen auf sein Können muß der am Werke sein, dem solche Erkenntnis ward, die ihn sogar ermächtigt, Menschen und Menschen zu distanzieren. Aber — Arnold Zweigs Schaffen spricht für den Dichter, der in der Tat »alles Beseelte erfaßt und alles Lebende beseelt, ja alles Seiende belebt«. Mitgelebt hat Arnold Zweig; nicht nur in dem Sinne, daß er mit der Zeit und den Menschen, mit Schicksalen und Ereignissen gelebt hat und lebt; nein, sie erfassend und erleidend, mitlebte er sie, was sagen soll: seelisch erlebte er sie; als ein Mitempfindender, der sehr empfindsam, sehr sensibel ist. Vielleicht ist Arnold Zweig der »zeitgenössische« Dichter. Wer sein Schaffen aufmerksam verfolgt hat, von den »Novellen um Claudia« über die beiden »Geschichtenbücher«, über seine Dramen »Semaels Sendung« und »Abigail und Nabal«, den Novellenbüchern »Frühe Fährten« und »Regenbogen«, dem »Spiegel des großen Kaisers« und der Novelle »Pont und Anna« bis zu den bisher vorliegenden drei Romanen des Romanwerks »Der große Krieg der weißen Männer« wird immer wieder erkennen müssen, daß dieser Dichter (und wenn seine Erzählungen in der Zeit noch so weit zurückliegen und der Schauplag noch so fern ist) nur aktuelle Geschehnisse sich zum Vorwurf nahm. Und das ist es, was die starke Wirkung seines Werkes ausmacht, das immer erregend ist und das einen heißen Atem ausströmt. Ist es doch dieses mit der Zeit Verbundensein, was den Dichter zu so starkem Erleben bringt, daß seine Virtuosität, von Innen her erhitjt, sich so steigert, daß sie übertrumpft und nun hintenangestellt wird, um dann eine Seelenkunst geworden zu sein. Die Gefrierkammer des Hirns ist schwächer als die stark aufquellende Wärme des Herzens. So ist sein Stil, der sdiwierig anmutet und in geschmeidiger Eleganz dahinfließt, nicht artistisch gesucht; er entwickelt sich vielmehr organisch aus dem, was zu beschreiben und zu erzählen ist. Diese höchst persönliche Diktion ist individuell und dem Werk angepaßt, ja mehr als das: das Werk bestimmt die Diktion, die der Schriftsteller nur ausführen kann, ausführen muß. So kommt es, daß Arnold Zweig selbst noch in einer Anekdote, wie »Die Quittung« eine ist, beim Leser innere Saiten berührt. Daß ihm, so zu wirken, möglich ist, liegt nicht zulegt daran, daß alles, was er schrieb, urspriing-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.