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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 100

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 100 (sequence 102)
Language
German
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IRI
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100 Bibel. James Joyce, der die Geschichte seines Helden in die Assoziationen seiner Gedanken auflöst, kennt Raum und Stunde so wenig wie Hermann Hesse's »Morgenlandfahrt«, die nicht zufällig in jenem Stil anhebt, in dem Franz Kafka den ewigen Alltag seiner Romanfragmente der Welt erschlossen hat. Diese Pilgerschaft der unstillbar Sehnsüchtigen nach dem Aufgang der Verheißung, auch vor ihr ist Raum.und Zeit ins Endlose hinabgesunken: aus den entferntesten Ländern beginnt der Zug der Wanderer, deren Lebzeiten oft durch Jahrhunderte getrennt sind. Wie nah ist solche Morgenlandfahrt dem Weg nach dem Heil, der unserem Volke aufgegeben, in seiner Kunst schon vorgestaltet ist! So raumlos ist die Welt Chagalls, so intensiv durchdringt sein Blick die festen Gestalten der Welt, daß auch ihr Innerstes sich ihm enthüllt, das Geheime offenbar, das Verschlossene in keuschen Farben leuchtend wird! Bauern führen eine Ziege zur Schlachtbank; im Leib des Zugtiers aber, das vor den Wagen gespannt ist, wird ein Junges, Ungeborenes sichtbar; durch Haut und Fleisch der Mutter hindurch klagt es, auf dem Rücken liegend, das Leben selber an, das anderes Lehen zum Tode führen muß. Aber auch hier entspricht der jüdischen die fortschrittliche Kunst im allgemeinen. Man denke etwa an die Gemälde Lionel Feiningers, auf denen sich Riesenbauten erheben, die ein gotischer Wille zur Höhe treibt und ein moderner Geist bis in ihre Tiefe hinein magisch erhellt und durchleuchtet . .. Kein Zweifel, weniger unser Teil an ihr, als die Nachbarschaft mit uns, zu der sie sich entwickelte, hat der Gegenwartskunst das Attribut »jüdisch« verliehen, zu einer Zeit, da eie, gleich uns, aus Deutschland vertrieben worden ist. — Bleiben wir nur unserer Art und Sendung treu, dann werden wir das Glück genießen, den allgemeinen Fortschritt europäischer Kultur um einige Wegstrecken mit weiterzuführen, bis endlich der Kontinent, vom Rückschritt befreit, die neue Kunst wieder ganz für sich besitjen, uns aber Dank wissen wird für das Geleit, das wir ihr gegeben haben. Wir selbst freilich werden dann gar manches für uns gelernt haben. (Die Photos stammen von Hannes Beckmann.)

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