Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0872-4920094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7? das seine, innerlich gebrochen. Sie erkrankte lebensgefährlich, die erschrockenen Eltern riefen Lessmann zurück, sie verlangten jetjt nur noch die Taufe. Auf der eiligen Rückreise von Italien nach Berlin erfüllte Lessmann auch diese Bedingung. Er kam wenige Stunden nach dem Ableben seiner Braut an, und erhängte sich kurz darnach auf dem Wege nach Leipzig, in der Nähe von Wittenberg —, ein Opfer der Assimilationstragödie, weder das erste noch das legte. Sein Andenken wurde durch den Stürmer und Dränger des deutschen Naturalismus um 1890 Hermann Conradi — merkwürdigerweise selbst ein antisemitischer Vorläufer der heutigen nationalsozialistischen Gedankenwelt — in einer schönen Neuausgabe gerettet. Was in Heine nur innerer Bruch blieb, in Börne Verwirrung der Instinkte — das trieb in seinen legten Konsequenzen Daniel Lessmann zum Selbstmord: die unglückliche, zurückgestoßene Liebe zum deutschen Volk. Der jüdische Journalismus hat tausendmal das Unrecht seiner Börne und Goldschmidts wettgemacht. Wenn ein Saul Ascher die Lebenstragödie Heinrich von Kleists trübte •— so haben wir Kleists, des Antisemiten, eigenes Bekenntnis, daß er in Berlin fast nur in jüdischen Salons Beachtung, Lob und Zuneigung fand. Der preußische Adel, dessen politische "Sache er zusammen mit Adam Müller in den »Berliner Abendblättern« führte, verachtete ihn. Von da ab reißt die Kette großer deutscher, christlicher Dichter, die vorerst fast ausschließlich durch jüdische Journalisten, Kritiker, Verleger und Mäzene gefördert wurden, bis in unsere Tage hinein nicht mehr ab. Sie reicht, auf Seiten der jüdischen Publizistik, von Emil Kuh, dem fanatischen Künder Hebbels, bis zu den jüdischen Aposteln Stefan Georges und zu dem wunderbaren Lebenswerk Moritz Heimanns, diesem großen Hingegebenen an deutsche Kunst und preußisches Wesen, dem eine ganze Generation deutscher Künstler ihren ersten Aufstieg verdankt, bis zu dem kritischen Werk Alfred Kerrs, das mit allen Lebensfasern dem dichterischen Werk Gerhart Hauptmanns verbunden war. Wir wüßten kaum etwas von dem genialem Dichter des »Wozzek«, Ludwig Büchner, wenn nicht der Jude Karl Emil Franzos seine Werke aus dem Dunkel der Vergessenheit gezogen hätte; und die jüdischen Verdienste um das Werk Goethes von Rachel Varnhagen bis Georg Simmel und Friedrich Gundolf sind wohl geeignet, die eine Scharte, die Ludwig Börne heißt, auszuwetzen.