Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 78)
- Language
- German
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76 reinigung gewesen wäre. Daß Genies verkannt und verfolgt werden, ist eine Selbstverständlichkeit. »Das Ärgernis muß ja kommen«, heißt es im Evangelium Matthäi, »doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt.« Und es fährt fort: »So deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, hau ihn ab und wirf ihn von dir!« Diese Lehre einer liebenden Grausamkeit gegen sich selbst ist so gut jüdisch wie christlich. In der Tat haben wir hier eines der seltsamsten Paradoxe des assimilatorischen Westjudentums: daß gerade wir Juden, das Volk der Offenbarung par excellence, uns jemals an der Offenbarung durch das dichterische oder denkerische Genie haben vergreifen können. Der ganze neuere Begriff der dichterischen und denkerischen Inspiration ist ja nichts als ein säkularisierter Offewbarungsglaube, ein Erbe des Judentums und der judäoehristlichen Geisteswelt. Gewiß, auch der antike Sänger wurde als ein vom Gotte Besessener aufgefaßt. Und doch ist das, was wir heute unter einem »Genie« verstehen, jene vergeistigte Form der Inspiration, nicht antikes Erbe — es stammt von den Richtern, Königen und Propheten, vor allem vom Bilde der Propheten, die dann zu den frühchristlichen Kündern, zu Paulus und den andern Aposteln hinüberleiten: eine gerade Linie führt von der althiiblisehen Wendung »Der Geist Gottes war über ihm« bis zu dem »Veni creator Spiritus« des mittelalterlichen Abtes Hrahanus Maurus und von da zu Goethes Inspirationsglaubcn. Daß der jüdisch-liberale Journalist schon so denaturalisiert war, in drei entscheidenden Fällen nicht sein eigenes heiliges Erbe auch im fremden dichterischen und denkerischen Genie zu erkennen: das eben ist die Tragödie der Assimilation, mehr als die immer wiederkehrenden antisemitischen Rückstöße, um 1819, nach 1848, in der Ära Schönerer-Stöcker, und zuletjt 1933. Die erste Epoche der literarischen Assimilation endet mit einem charakteristischen Journalistenselhstmord. Wiederum nur eine Episode — aber wiederum von symbolischem Wert. Der Arzt Daniel Lessmann, ein geistreicher Journalist und Beimahe-Dichter, hatte die Befreiungskriege mitgemacht und war mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Er hoffte auf Beförderung und feste Anstellung. Beides war in der antisemitischen Reaktion nach den Freiheitskriegen in Preußen schon unmöglich geworden. Seine christliche Braut mußte auf Befehl der Eltern die Verlobung aufhoben. Aber ihr Leben war, wie