Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0870-4920092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 des konservativen Blattes, Gjödwad, während Kierkegaard die Schlußzeilen jenes Angriffes gegen den »Korsaren« schrieb, neben ihm stand, um das Manuskript sofort in die Druckerei zu bringen. Wäre also die Polemik des »Korsaren« auf der politischen Ebene geführt worden, so wäre sie so berechtigt gewesen wie jede sachliche, politische Fehde. Aber auch hier, wie im Fall Ascher und Börne, zeigt sich die Instinktlosigkeit der liberalen Assimilation. Gerade der Jude Goldschmidt, wenn noch etwa« von seinen jüdischen Instinkten intakt gewesen wäre, hätte doch ein geistiges Organ für die unbedingte, patriarchalische, alttestamentarische Religiosität Kierkegaards haben müssen, der seine genialsten Exegesen an biblische Motive (Abraham) anknüpfte -— er hätte sich scheuen müssen, den Menschen Kierkegaard, das religiöse Genie Kierkegaard zu berühren. Weil er diese Scheu nicht hatte, ist er mit Recht als der tief Unterlegene aus dieser Sache hervorgegangen. — Seine menschliche Gestalt bleibt dadurch unberührt. Kierkegaard selbst deutet die ungeheure Erschütterung an, die seine vehemente Polemik und wohl auch das Bewußtsein eines schweren publizistischen Mißgriffs in Goldschmidt hinterließen. Am 27. Dezember 1845 erfolgte der erste Angriff des »Korsaren«; am 20. Oktober 1846 gab Goldschmidt den »Korsaren« auf und rettete dadurch seine persönliche Ehre. Zu seiner Entschuldung mag noch angef ührt werden, daß die überaus nervöse Konstitution Kierkegaards, die manchmal fast Züge von Verfolgungswahn aufweist, die rein zivilen Konsequenzen dieser Angriffe des »Korsaren« sicherlich maßlos überschätze. Er glaubte sich von der ganzen Stadt verspottet und verhöhnt. Aber zumindest in einem besonders charakteristischen Fall ist die vollkommene Grundlosigkeit dieser Gefühle eindeutig bewiesen. Es mag auf den ersten Blick befremdend scheinen, daß wir diese drei Einzelfälle so ausführlich analysieren. Man wird sagen, gerade heute sei die rechte Zeit nicht, von jüdischer Seite darauf zurückzukommen. Aber auch dieser Einwand gehört eben dorthin, wo sich diese schweren Irrtümer leider abspielen konnten. Selbsterkenntnis, rücksichtslose Selbstkritik gerade in der Zeit schwerster Not, ist ein immer wiederkehrendes Motiv der jüdischen Geschichte. Immer trugen die Juden in den Zeiten des Kampfes zwei Schwerter: eines gegen den Bedrücker, eines gegen ihre eigene Brust gerichtet; und niemals gab es einen jüdischen Kampf, der nicht auch eine blutige Selbst-