Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 76)
- Language
- German
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74 vorgehoben zu werden, daß er der einzige sei, der im Korsaren nicht geschmäht wurde«. Er nennt das Lob des »Korsaren« eine Beschämung und einen Schimpf. Das war gewiß als offene Provokation gedacht und geschrieben — aber niemals durfte Goldschmidt darauf reagieren. Er tat es dennoch. Die Karikaturen, die daraufhin der »Korsar« brachte, scheinen dem heutigen Betrachter, der an ganz andere Kaliber gewöhnt worden ist, zum Teil recht harmlos, etwa wenn sie sich über die Beinkleider Kierkegaards, der viel auf Kleidereleganz hielt, lustig machen. Sie sind taktlos dort, wo sie eine ganz vergeistigte, bewußt in die zynischen Prinzipien getriebene Variation Kierkegaards über ein eigenes erotisches Erlebnis, »Das Tagebuch des Verführers«, auf das Niveau eines stadtbekannten Entlobungsskandals herabdrücken. Wie dem immer sei: für Kierkegaard wurden diese Angriffe zu dem zweiten großen Lebens- und Denkmotive nach der Lösung seiner Beziehung zu Begina Olsen. Wie er sich selbst am diesen Angriffen zum Märtyrer hinaufsteigerte, zum Leidenszeugen gegen die verantwortungslose Allmacht der Presse, so wurde in seinem Denken »Der Korsar« zum metaphysischen Symbol der journalistischen Verantwortungslosigkeit, ja des Bösen in unserer Zeit überhaupt, das sich in der Presse am reinsten repräsentiert, zum Symbol des neuen Antichrist. Diese Wendung Kierkegaards gegen die Presse gehört der Geistesgeschichte an, wie Balzacs, Schopenhauers und Lassalles Attacken gegen die bürgerliche Presse. Doch wenn wir auf die bloßen nüchternen Tatsachen zurückgehen, kann mancherlei zur Entschuldigung Goldschmidts angeführt werden. In der großen Literatur, die um diesen Fall herum entstanden ist ■—■ wir nennen Theodor Häckers Arbeiten über Kierkegaard und die Umformung zu zeitsatirischen Motiven in Karl Kraus' »Fackel« —-, wird der politische Hintergrund meist nicht berücksichtigt. Goldschmidt und der »Korsar« waren liberal, Goldschmidt stand, der jungdeutschen Schule nahe. Es wird heute nicht mehr leicht zu entscheiden »ein, inwieweit Kierkegaard, der geistige Vertreter unbedingter! Autorität nicht nur im Beligiösen, sich von konservativen Kreisen des »Fädrelandet« (ein konservatives Blatt) bei dem ersten Angriff auf den »Korsaren« mehr oder weniger bewußt vorschieben ließ. Nur soviel ist durch Kierkegaards eigene Aufzeichnungen bekannt, daß er wußte, »Fädreland« suche nach einem Anlaß, mit dem übermächtig werdenden politischen Gegner anzubinden, soviel, daß der Bedakteur