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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 73

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 73 (sequence 75)
Language
German
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73 ganz unentschuldbar. Tragisch werden sie wiederum erst durch die völlige Verwirrung des Instinktes, der Takt und Maßstäbe verliert, und verantwortungslos au exzedieren beginnt. Hier erwächst aber dem jüdischen Betrachter von heute die traurige Aufgabe, nichts zu beschönigen, und ein nun einmal geschehenes Unrecht durch rücksichtslose Charakterisierung nach besten Kräften gutzumachen. Und so soll offen gesagt werden: die kritischen Attacken Börnes gegen Goethe sind ein einziger unverantwortlicher kritischer Exzeß. Wer einmal Goethe als den »gereimten Knecht« charakterisiert hat — wie Hegel »der ungereimte« sei — wer ihn »eine dürre, prosaische Seele... ohne Hassen und ohne Liebe« genannt hat, ihn, den großen Liebenden aller Zeiten, wer von ihm geschrieben hat, er, Goethe, habe »60 Jahre lang die Handschrift des Genius nachgeahmt«, ohne entlarvt zu werden — der mag sonst als Mensch, als Charakter, als Stilist unantastbar sein: er hat sich als kritischer Publizist selbst erledigt. Es ist nicht die Schärfe der Attacke, was uns empört — es ist die ehrfurchtslose Haltung, es ist diese lächerliche polemische Argumentation, die gerade dort angreift, wo das angegriffene Objekt völlig unberührbar und göttlich ist. Der dritte unglückselige Fall, der als nackte Tatsache unbeträchtlich scheint, aber durch die ungeheure Sublimierung, grundsätjlicbe Ausgestaltung und Ausweitung seitens des weit überlegenen genialen Partners geradezu eine geisteshistorische Bedeutung bekam, war die Polemik des Kopenhagener Blattes »Der Korsar« und seines Herausgebers Meir Aaron Goldschmidt gegen den großen religiösen Philosophen Sören Kierkegaard. Goldschmidt war nicht das menschgewordene böse Prinzip, zu dem ihn später die suggestive, dämonische Theologie Kierkegaards gemacht hat. Er war als Schriftsteller ein feiner Psychologe, der in einem noch heute lesbaren Roman den Leiden des assimilierten Juden selbst rührenden Ausdruck gegeben hat. Auch war ihm von Kierkegaard eine Art Falle gestellt worden, in die er blind und ungeschickt hineintappte. Kierkegaard war im »Korsaren« hoch gepriesen worden. Aber ein Mitarbeiter des »Korsaren«, P. L. Möller, hatte eine Schrift Kierkegaards in einem anderen Blatt scharf angegriffen. Kierkegaard replizierte noch schärfer und bezeichnete Möllers Artikel als »einen jener widerlichen Korsarenangriffe auf friedliche, respektable Männer«, zu denen man nicht schweigen könne. Er fügte hinzu, es sei »hart für einen armen Schriftsteller, im Korsaren so her-

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