Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 74)
- Language
- German
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72 digen. Uns interessiert hier vor allem das psychologische Motiv: der unbedingte Assimilant, dem das Gefühl der Unsicherheit seiner sozialen und seelischen Position auch den gesunden Instinkt verwirrt, und der in dieser ungesunden Haßliehe grobe Taktlosigkeiten, wenn nicht Schlimmeres begeht. Weit Schlimmeres hat sicherlich ein weit Bedeutender begangen: wir meinen Ludwig Börne ui.d seine Attacken gegen Goethe, die dazu beigetragen haben, den Lebensabend des größten Menschan der Neuzeit zu verdüstern. Auch hier sind persönliche und sachliche Motive nebeneinander zu erkennen. Oft ist in diesem Zusammenhang schom darauf hingewiesen worden, daß beide, Goethe wie Börne, aus Frankfurt stammten, der eine aus dem Ghetto, der andere aus dem Patriziat, der eine aus den engen Judengassen, der andere aus dem Glanz der stadtbeherrschenden Klasse, die die Juden hinter Toren und Ketten gefangen gehalten und eben wieder das reaktionärste antisemitische Regime eingeführt hatte. Übrigens galt auch Goethe allgemein als Antisemit. Die vox populi des gebildeten Pöbels wußte das seit Jahrzehnten so genau, daß, viel früher schon, um 1815, die berüchtigte antisemitische Posse »Unser Verkehr«, die, nach mehrmaligem Verbot durch die eher judenfreundliche Hardenbergsche Bürokratie, unter dem Druck antisemitischer Berliner Hofkreise freigegeben werden mußte und in fast allen größeren Städten Deutschlands mit riesigem Publikumszulauf gespielt wurde — in Berlin wohnte demonstrativ der König und sein Hof einer Aufführung bei —, daß sogar dieses alberne anonyme antijüdische Machwerk fast überall in Deutschland als ein Werk Goethes galt. — Das alles kann gewiß als persönliches Motiv angeführt werden. Aber dieses persönliche Motiv verschränkte sich bei Börne überall mit Sachlichem. Goethe, der patriarchalisch-humanistische, konservativliberale Politiker, dessen administrative Tätigkeit in Weimar gewiß alles andere eher als metterniehiamisch war, galt den Junglibcralen seit den Tagen des Karlsbader Kongresses geradezu als der literarische Exponent des Metterniichianismus. In Goethe meinte Börne den größten literarischen Exponenten der politischen Reaktion zu treffen, wie umgekehrt ein Wolfgang Menzel in ihm den Exponenten des politisch-moralischen »Libertiniismus« — genau das, was man heute »Kulturbolschewiamus« nennt — haßte und verfolgte. Solche Irrtümer aus nächster Zeitnähe, aus der ephemeren Situation heraus, sind am sich gewiß nicht