Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 73)
- Language
- German
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71 nären Lager. Der tief demokratische Charakter unserer religiösen Grundauffassung, daß der Mensch an sich, also jeder Mensch ein Abbild Gottes sei, der großartige revolutionäre Chiliasmus unserer Propheten, der visionäre Traum von einem künftigen Zeitalter, in dem der Löwe neben dem Lamm ruht und die Waffen zu Pflugscharen umgeschmiedet werden — dieses uralte1 Erbe prädestinierte sie zur Teilnahme an den jungen sozialen Strömungen. Und hier hat der jüdische assimilierte Publizist von Karl Marx über Lassalle bis Trotjkij denn auch wirklich eine welthistorische Rolle gespielt, die sich freilich wiederum als die gefährlichste antisemitische Agitationswaffe gegen das Judentum selbst kehrte. Eine Reihe unglückseliger Episoden leiten die Geschichte des jüdisch-liberalen Journalismus ein. Sie sollen hier nicht übersehätjt werden — aber in der historischen Retrospektive sehen sie fast wie ein böses Omen, ein Symbol des Unheils aus. Dreimal hat sich der junge jüdischliberale Journalismus in seinen ersten Stadien am Genius versündigt. Sein erster Siindenfall ist die verhängnisvolle publizistische Rolle, die Saul Ascher in der Selbstmordtragödie Heinrich von Kleists spielte. Die Details sind unwichtig — Reinhold Steig hat sie in seinem Standardwerk über das tragische Ende Kleists so breitgetreten, wie es Antisemiten in solchen Fällen immer tun. Es genügt also, auf sein Werk hinzuweisen. Sicherlich hat persönliches Ressentiment hier, wie in den anderen Fällen, von denen wir noch sprechen werden, eine gewisse Rolle gespielt — das Ressentiment des assimilierten Juden gegen einen Berliner literarischen Kreis, der sich offen zum Antisemitismus bekannte, und dem Kleist angehörte. Aber ebenso gewiß waren hier, wie in den anderen Fällen, vor allem grundsätzliche Motive maßgebend. Saul Ascher war publizistischer Aufklärer von Nikolaischer Prägung und schon als solcher prinzipiell antiromantisch gestimmt. Er war aber auch ein unbedingter politischer Anhänger des preußischen Staatskanzlers Hardenberg, fast eine Art Leibjournalist des allmächtigen Ministers — und die »Berliner Abendblätter« Kleists und Adam Müllers hatten sich, nach mancherlei nicht immer sehr charaktervollen Anbiederungsversuchen der beiden, endgültig der ständischen Adelsopposition gegen Hardenberg verschrieben. Durch diese Feststellungen soll nichts beschönigt werden: die Attacke gegen einen Genius, und die Attacke gegen einen eben Verstorbenen ist niemals zu entschul-