Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 72)
- Language
- German
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70 bare Liebe für das Deutschtum in seinen tiefsten, mystischgeheimnisvollen Tiefen wurde sozusagen schon in der ersten Stunde der Assimilation vom Antisemitismus der deutschen Romantik zurückgestoßen (— obgleich die preussische antisemitische Staatsromantik ihre tiefe Affinität an alttestamentarische Einrichtungen, an die »Politik Mosis« nicht verkannte). Der ganze schwere Bruch in Heinrich Heines dichterischer Gestalt hat seine Ursache in dieser enttäuschten romantischen Liebe. — So setjten sie sich also im Liberalismus fest, der ihren politischen Instinkten vorerst wahrscheinlich am wenigsten entsprach, oder doch nur insoweit, als er unter allen politischen Formen die unpolitischeste ist. Auch wirtschaftliche Gründe waren wohl maßgebend, die Handels- und Gewerbefreiheit des Liberalismus, der Gelderwerb, der einer von Staats wegen so wenig zuverlässig geschürten Gruppe, wie es die assimilierte Judenheit de facto bald war — in Preußen etwa seit 1819 — die einzige solide Sicherheit bot. Nun war aber die Schule des Liberalismus die schlechteste politische Schule für ein politisch erwachendes Volk, die sich überhaupt denken läßt. Seinem ganzen Wesen nach passivistisch, hat er niemals die eigentlich politischen Ideen, die Ideen der aktiven Machtausübung, ihrer Möglichkeiten und Grenzen, aus sich entwickelt. Wo immer er in Konflikt kam mit wirklichen politischen Mächten, ist er unterlegen oder mußte sich freiwillig unterordnen. So nach 1848, in Deutschland nach 1870 und endgültig 1933, nachdem seine innere Kraft ein Jahrzehnt vorher schon völlig gebrochen war. So wurde dem Gros des assimilierten Judentums, dem liberalen Judentum, von Anfang an die bedenklichste politische Position mehr zugewiesen, als daß es sie gewählt hätte. Unselig war sie, weil sie das ganze jüdische Volk an das Schicksal des Kapitalismus ankettete; unselig, weil der deutsche Liberalismus mit seinen unterirdischen pangermanischen Tendenzen dem Judentum, namentlich dem österreichischen Judentum, für Jahrzehnte den Blick auf das Nationalitätenproblem verstellte. Der jüdisch-liberale alldeutsche Publizist und Dichter war eines der trübsten Produkte dieser verhängnisvollen Konstellation — nomina sunt odiosa. — Damit war iaber gleichsam auch schon die ganze politische Situation des Judentums pervertiert. In die konservativen Strömungen, zu denen gewiß viele das Herz zog, gelangten sie nur entweder als verdächtige Snobs oder als verächtliche Abtrünnige. Wir werden davon noch hören. — Etwas glücklicher war ihre Rolle im revolutio-