Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 47)
- Language
- German
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45 Tagesordnung. Ereignisse, die es früher nicht gegeben hätte. Antijüdische Ausschreitungen sind übrigens auch in England in den legten Monaten erfolgt, und besonders in den östlichen Vierteln von London haben die arabischen Vorfälle in Palästina merkwürdige Reflexe gezeigt. Manchem Politiker sind die Palästina-Unruhen Wasser auf seine Mühle, denn es gibt in England eine nicht ganz einflußlose politische Strömung, welche ausgesprochen antizionistisch und araberfreundlich ist und am liebsten die weitere jüdische Einwanderung verboten sehen möchte. Auf der Gasse wird indessen Propaganda gegen die Juden gemacht, wobei man nicht immer von Fall zu Fall weiß, ob die Kommunisten oder die Fascisten Sir Mosleys dahinter stecken und gleichzeitig reisen Hitlers Sonderbevollmächtigte in England herum und werben bei den englischen Lords für ihren Führer. Die englischen Lords lesen nicht alle Zeitungen. Von Konzentrationslagern und Pogromen wissen sie nicht viel und da Hitler bisher seine Kolonialansprüche gegenüber England klug verschleiert hat, so sehen sie nicht ein, warum man ihn nicht wie einen hundertprozentigen Gentleman behandeln solle. Daher machen diese englischen Lords auch Propaganda zur Olympiade und sind sehr befriedigt, wenn sie nach Deutschland kommen und dort feststellen, daß alles sehr allright sei und die Eisenbahnen und Autostraßen noch besser sind als in England. Vielleicht wundern sie sich sogar darüber, daß die englischen Universitäten nicht mit Freude die Einladung begrüßt haben, am Heidelberger Universitätsjubiläum teilzunehmen. In der Schweiz und der Tschechoslowakei sind Demokratie und Toleranz keine leeren Schlagworte. Die Schweiz ist freilich nicht mehr das Dorado politischen Freisinns. Die nach deutschem Muster auftretenden Frontisten machen wilde antisemitische Propaganda, ohne aber den eidgenössischen Geist, der durch freiheitliche Demokratie, religiöse und nationale Toleranz und aufrechte Gesinnung gekennzeichnet ist, durchbrechen zu können. Der Fall Frankfurter hat dies gezeigt. Die Ermordung des Schweizer Gauleiters der NSDAP, Gustloff, durch den jungen jugoslawischen Juden war für die deutsche Presse das Signal, über die »kleine« Schweiz mit Schmähungen und Drohungen herzufallen. Aber die kleine Schweiz hat sich würdevoller benommen wie mancher größere Staat: sie hat Deutschland durch eine scharfe und eindeutige Abfuhr zu verstehen gegeben,