Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0839-4920061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44 »Volksfront« vereinigten Linken (Sozialisten, Kommunisten, Radikale Bürgerliche) einen entscheidenden Sieg der Linken gebracht. Eine Entwicklung, die von uns deshelb verfolgt werden muß, weil der politische Begriff »rechts« heute in allen Staaten mit Antisemitismus und chauvinistischem Judenhaß identisch ist. Zudem war der Linksruck nicht auf Frankreich beschränkt, vielmehr ging ihm in Spanien ein ebenso eindrucksvoller Sieg der dortigen Volksfront voran. (Der spanische Bürgerkrieg, der das furchtbarste Ringen des legten Jahrzehnts zwischen »rechts« und »links« darstellt, hat den Wert dieses Volksfront-Sieges recht problematisch gemacht.) Aber damit auch nicht ein Ereignis der Weltpolitik die Lage des Weltjudentums günstig beeinflussen könnte, ist unter allen französischen Politikern gerade ein Jude Ministerpräsident geworden. Eine durch die parlamentarische Tradition gegebene und von jedermann, der den politischen Betrieb kennt, als selbstverständlich erkannte Tatsache: Die Sozialisten waren die stärkste Partei der siegreichen Volksfront und der langjährige Führer der Sozialisten ist eben Leon Blum, ein durch seine Vergangenheit, lautersten Charakter und große Bildung auch unter seinen politischen Gegnern anerkannter Politiker. »Aber« Blum ist Jude, und er hat sein Judentum niemals verleugnet. Was das bei der heutigen europäischen Situation, die aus dem Kernproblem »Deutschland gegen Frankreich« resultiert, bedeutet, ist klar. Geht alles gut aus, wird nicht Blum der Retter sein, sondern der »Franzose« Blum. Und falls nicht, wird die ganze große Verantwortung auf den »Jud' Blum« fallen, und —■ denn diese Verknüpfung, alles höchstpersönlichen mit dem ganzen Volk ist nun schon einmal bei uns Juden Gewohnheit und Odium — auf die ganze Judenheit. Man crmesse, was die deutsche Propaganda daraus machen kann! Einem Juden ist es heutzutage nicht möglich, ein ehrenvolles und hohes Amt anzunehmen, ohne daß er nicht alle seine Volksgenossen damit belastet. In den wenigen Monaten seit den Parlamentswahlen ist auch die antisemitische Bewegung in Frankreich mächtig angeschwollen, und wenn es zu einem Zusammenbruch der Volksfront-Regierung kommen sollte, wird eine schreckliche Reaktion von Rechts die Folge sein. Schon beute ist der Oberst de la Roque, der Führer der — nach deutschem Muster organisierten — Feuerkreuzler, eine populäre Führergestalt, und antisemitische Schmähungen und Ausschreitungen sind auf der Pariser Gasse an der