Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
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39 Sozialismus halten etwa 100.000 Juden Deutsehland verlassen. Aber was bedeutet diese Zahl gegenüber den 500.000 Juden, die noch in Deutschland unter dem schwersten Druck leben, jeden Tag der Vernichtung aufs neue preisgegeben, immer im Unklaren über ihre Zukunft. Das Problem der deutschen Judenheit ist wahrhaft tragisch, weil alle Versuche, es auch teilweise zu lösen, mehr oder weniger mißlungen sind. Nach wie vor ist die Emigrantenfrage ein Kernproblem Europas geblieben, und eines der Probleme, welches erschüttert durch die Art, wie es behandelt wird. Nachdem die privaten Bemühungen um die Lösung und Besserung der Emigrantenfrage ins Stocken geraten sind und das Mitleid, das anfänglich so groß war, einer stillen Resignation und Gleichgültigkeit Platy gemacht hat, haben die deutschen Emigranten auf die von Genf unter \egide des Hochkommissars James Mac Donald eingeleiteten Aktionen geblickt. Aber Mac Donalds Arbeit ist von den deutschen Stellen dermaßen erschwert worden, daß er sich im Jänner entschlossen hat. sein Amt niederzulegen. Die Gründe, warum er dies tat, hat er mit großer Aufrichtigkeit in einem Brief geschildert, welcher immer eines der erschütterndsten Zeugnisse für die tragische Vernichtung des deutschen Judentums bleiben wird. Seinen Plat», hat der englische General Sir Neill Malcolm eingenommen, der sich bisher allerdings mehr um juristische Fragen gekümmert hat. Wichtiger, weil von größerer praktischen Bedeutung, ist die von den englischen und amerikanischen Juden unter Fühmna; von Sir Herbert Samuel, Viscount Bearsted und Stephen Wise vorgenommene Rettungs-Aktion. Sie will jährlich 20.000 bis 25.000 Juden aus Deutschland herausnehmen und in anderen Ländern seßhaft machen: mindestens die Hälfte davon soll in Palästina angesiedelt werden. Die Kosten sollen teils in Deutschland aufgebracht werden, 15 Millionen Dollar werden in England und Amerika gesammelt. Das wichtigste Ereignis der Weltpolitik des vergangenen Jahres war der ahessinische Krieg. Man kommt auch in der jüdischen Jahres-Chronik um die Erwähnung dieses Ereignisses nicht herum. Die Weltpolitik ist heute ein empfindsames Zahnradwerk geworden, und eine Störung in einem Teil des Werkes legt automatisch auch die anderen Gänge still und schafft in allen Teilen Verwirrung. In früheren Jahrzehnten wäre der abessinische Krieg ein koloniales Abenteuer Italiens gewesen, und die übrige Welt hätte