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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 35

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 35 (sequence 37)
Language
German
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hen im Grunde auf mißglückte Versuche zurück, die Unsicherheit zu überwinden. Es ist nicht leicht, aus der Not der Unsicherheit immer den religiösen oder den metaphysischen Ausweg zu finden. Leichter ist es, auf das Gefühl der Unsicherheit durch materielle und psychologische Sicherungen zu reagieren. tSo entsteht jener gewisse Hang, durch materiellen Besitj und irdische Verankerungen drohenden Unsicherheiten vorzuhauen, so entsteht das Bedürfnis, möglichst weit vorzusorgen, für sich, für die Kinder und Kindeskinder. So entsteht die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg. Und so sind auch die immer wiederkehrenden Fluchtversuche vom Judentum zu erklären und vor allem die Assimilation nationaler, religiöser, sozialer, weltanschaulicher Art; immer ist es eine Flucht vor der Unsicherheit, ein Versuch, irgendwo Deckung zu suchen, auf dem Rücken einer großen Bewegung mitzuschwimmen. Auch zu Kompensationsversuchen mannigfacher Art führt das Bewußtsein der Unsicherheit und schließlich zu jenen bekannten Erscheinungen von Verdrängung des eigenen Wesens, von Mimikry und Selbsttäuschung, von rascher Annahme fremder Ideale und fremder Wertungen und von einer gewissen krampfhaften Oberflächlichkeit; denn wenn man sich an der Oberfläche hält, gerät man nicht in die gefährlichen Tiefen der Unsicherheit. Ja, man kann, wenn man will, diese hysterischen Reaktionen auf das Erlebnis der Unsicherheit bis in jenen Typus des satten, fetten, krampfhaft fest auf dem Boden stehenden, sich vor eingeredeter Sicherheit geradezu wiegenden Spießers verfolgen, der uns als gehässige, antisemitische Karikatur in allen judenfeindlichen Hetzblättern begegnet. So sind uns denn vom Schicksal zwei Wege vorgezeichnet, zu welchen uns die Unsicherheit unserer Existenz immer wieder treibt: Der Weg zu Gott, zur Konfrontation mit dem Absoluten und — der Götjendienst, die Flucht in die falschen Sicherungen und täuschenden Sicherheiten der Verdrängung, des Besitzes, der Assimilation, der Oberflächlichkeit ... Die Entwicklung der letjten Jahre hat gezeigt, daß die Linie unseres Schicksals, die Art unserer Auserwähltheit die gleiche geblieben ist seit Jahrtausenden; wir erleben altes Judenschicksal. So sind auch unsere Gefahren, aber auch unsere großen Möglichkeiten die gleichen geblieben: Die Gefahr, abzugleiten in Götjendienst und Flucht vor uns selbst; aber auch die hohe Möglichkeit, an diesem Schick-

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