Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 36)
- Language
- German
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34 Gewiß — Unsicherheit ist in gewissem Maße das Los der ganzen Menschheit, ja alles Lebenden. Das »Ins-Leben- Geworfen-Sein« ist eine moderne philosophische Formulierung dieses Lebensgefühls der Unsicherheit. Aber, daß das jüdische Volk in weit höherem Maße unter dem Gesetj der Unsicherheit steht, bleibt wohl außer Zweifel. Ein Blick auf die Ereignisse des legten Jahres muß jeden belehren. Freilich — und mit diesem Gedanken erheben wir uns über die Betrachtung der Gegenwart — Unsicherheit ist unser Los, seit es ein jüdisches Volk gibt. Was nach dem großen Kriege mit uns geschehen ist, war im Grunde nichts Neues, es war nur die Rückkehr in die alte Lebensform unseres Wandervolkes nach kurzer Zeit scheinbarer Sicherheit. Zankapfel zwischen Mächtigen sein, Vertreibung, Exil, Wanderung; das sind die immer wiederkehrenden Ereignisse unserer Geschichte. Auch in der ältesten Zeit gab es nur wenige und immer nur recht kurze Perioden der Ruhe. Es waren fast lauter Provisorien — seit Jakob und seine Söhne nach Ägypten gezogen sind. Schon die Grundpolarität unserer Geschichte, die Spannung zwischen den beiden Brennpunkten, Sammlung und Zerstreuung, Erez Israel und Galuth, atmet Unruhe und Unsicherheit und verbietet jedes bequeme entspannte Sichausleben des Volkes, das sorglose Gefühl des Beisichseins, das zur Ruhe gehört. Unsicherheit ist unser Volksschicksal; aber Unsicherheit zeigt uns auch den Sinn unserer Existenz, die uns immer wieder treibt, Sicherheit zu suclien. Das ganz besonders in Unsicherheit gestoßene Volk hat eine ganz besondere Sehnsucht nach Sicherheit. Unsere Auserwähltheit beginnt mit diesem Schicksal der Unsicherheit. Durch diese Not wurden wir erzogen, wurden wir über dieses Leben hinausgehoben, wurden wir zu Gott geführt. Indem der Einzelne gegen die irdische Unsicherheit seines Lebens kämpfte, entdeckte er die metaphysische Unsicherheit des Lebens überhaupt. Indem wir die Unsicherheit zu überwinden suchten, gerieten wir in die Konfrontation mit dem Absoluten. Und so darf man denn sagen: die Unsicherheit unseres Lebens machte uns «u jenem Volke, das die religiöse Aufgabe, die Heiligung, in den Mittelpunkt seiner Existenz stellte. Noch in einer anderen Richtung macht uns das Erlebnis der Unsicherheit unser Wesen klar. Auch unsere Fehler ge-