Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 35)
- Language
- German
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33 Überhebung — seht, was die Juden auf diesem Gebiete geleistet haben! ■—• sondern einzig und allein aus dem Grunde der Erkenntnis unseres eigenen Wesens. Selbsterkenntnis, Eindringen in die Wurzeln des eigenen Seins ist nicht bloße Erkenntnis, sondern eine Tat; denn es ist nicht nur Konstatierung irgendeines Tatbestandes, sondern Wachstum in die Tiefe, Bildung, Umbildung, Wandlung zu sich selbst. Es ist ein Weg des »Werde, der Du bist«, aber in jene Tiefen des Individuums reichend, in denen es mit dem nationalen Grundwesen zusammenfließt. Aber man glaube nicht, daß dieser Weg des Individuums zu den Quellen seines geschichtlichen Seins etwas wie egoistische Inzucht, Wesensverarmung und Vereinfachung ist. Im Gegenteil. Dieser Durchbrudi des Individuums in seine tieferen Seinsschichten ist keine Verengung, sondern eine Erweiterung. Indem der Jude durch die Analyse jüdischer Leistungen auf den Gebieten der menschlichen Kultur die Art dieses Beitrages erfaßt, erwirbt er neues Bewußtsein seiner selbst, nicht nur seiner Vorzüge, sondern auch seiner Fehler; und nicht nur neue Erkenntnisse tun sich auf, sondern vor allem neue Probleme, neue Widerstände und damit neue Unsicherheit, die immer weiter in die Tiefe lockt. * Mit diesem Begriff der Unsicherheit kehren wir von der Behandlung unseres Spezialthemas zurück in die grausame Wirklichkeit unserer geschichtliehen Existenz, wie sie sich gerade in den Ereignissen des vergangenen Jahres in einer — man möchte gerne sagen — unübertrefflichen Weise manifestiert hat. »Unsicherheit« — das ist wohl in Wahrheit die eigentliche Seinsform, unter der wir leben, als Volk, wie als Einzelne. Unsicherheit der materiellen Existenz, wie des Lebens; Rechtsunsicherheit, Berufsunsicherheit; Schufclosigkeit der Ehre; Heimatlosigkeit; Einengung von Lebensraum, Betätigungsfeld, Arbeitsmöglichkeit; die Worte »ausgeschaltet« und »unerwünscht« schallen uns entgegen; Eintritt verboten und Austritt gefordert; hier droht Vertreibung, dort droht Entzug des Asylrechtes; was bisher wie Heimat schien, wird Fremde; wo wir neue Heimat schaffen, erhebt man sich gegen uns; Wandern — wird das Los eines immer größeren Teiles unseres Volkes. Auch was scheinbar sicher schien, wird unsicher.