Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
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32 Es wird die Aufgabe einer künftigen, freien und gerechten literarischen Geschichtsforschung sein, festzustellen, was die deutsche Literatur und die deutsche Sprache jenen Menschen zu verdanken hat, welche in dieser Sprache die Fragen und Nöte ihrer jüdischen Seele geformt haben; unsere Sache ist es, auch heute, in diesen Tagen, da uns die politischen Führer des deutschen Volkes den Vernichtungskampf angesagt haben, mit Liebe und Dank zu empfangen, was jüdische Dichter in deutscher Sprache uns zu sagen haben. Und, wenn auch die anderen heute nicht wissen und nicht wahr haben wollen, was die deutsche Sprache jüdischem Geist und jüdischer Seele zu verdanken hat, so wollen wir dessen doch eingedenk sein, was die Entwicklung unseres jüdischen Menschen der deutschen Sprache zu verdanken hat. Wir sind zutiefst überzeugt, daß die schöpferische Zusammenarbeit von jüdischem Geist und deutscher Sprache — und dies bezieht sich natürlich analog auf alle nichtjüdischen Sprachen, in welchen jüdische Menschen schaffen — keine Verfälschung und keine Verunreinigung bedeutet, wie heute unsere Feinde sich und der Welt einreden möchten, sondern eine Bereicherung und eine Vertiefung auf beiden Seiten. Es ist wahrhaftig keine schlechte Mitgift, welche diese beiden kulturellen Mächte in diese Ehe mitgebracht haben; in der deutschen Sprache lebt noch die große Zeit des deutschen Idealismus, in der jüdischen Seele aber ist das tiefe Bewußtsein einer einzigartigen ungeheuren Geschichte und einer Jahrtausende alten Gotteskämpferschaft unvergänglich eingegraben. Und wenn vielleicht auch Sprache und Geist verschiedenen Ursprungs einander manche Schwierigkeiten machen, so wissen wir doch heute, daß gerade widerstrebendes Material, wenn es bewältigt wird, nicht lähmt, sondern schöpferisch macht. Wenn wir also durch unsere kleine Anthologie einen Bei trag zur Frage: »Juden in der deutschen Literatur« leisten wollen, so sollen hier in dieser Einleitung auch ein paar Worte zur Begründung dieser Fragestellung gesagt sein. Themen ähnlicher Art mit den Titeln: »Juden in.....« und »Die Juden und . . .« sind ja hinreichend bekannt und erfreuen sich nicht gerade unbeschränkter Beliebtheit. Uns scheint diese Fragestellung trotj aller Gcschmacksbedenken im Wesen legitimiert zu sein. Freilich nicht aus dem Grunde der Apologetik, etwa um zu beweisen, daß die Juden auf diesem oder jenem Gebiete d o ch etwas geleistet haben, und auch nicht aus dem Grunde der Einbildung oder der