Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1936-01-01 · 5696 (1935-1936) · p. Seite 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5696 (1935-1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 199 (sequence 201)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4919024-4919797--0776-4919998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der jüdische Wiß 199 fe.n, durchaus nicht die Eigenschaften ihrer Bedrücker, sondern ihre eigenen typisch-jüdischen Eigenschaften sind. Der Grund scheint viel einfacher zu sein. Die Juden sind ein kritisches Volk; gute Psychologen und Beobachter und respektlos. Alle Voraussetjungen sind gegeben, um auch sich selbst gegenüber kritisch und respektlos zu sein. Daran hindert aber die Hemmung der Eitelkeit. Dies fällt aber mit Hilfe des Witjes weg. Der Wit} gestattet diese Eitelkeit zu überwinden. Es ist gleichsam die Freude am Witj, welche das Übel der verlegten Eitelkeit kompensiert. Und ist die Hemmung gefallen, so kann man sich selbst kritisieren, und so ist der Witj eine wichtige Form der Selbstkritik und Selbsterziehung. Das Vergnügen am Wiß gestattet dem Juden seine scharfe Psychologie und Beobachtungsgabe auch an sich selbst auszuprobieren. So viel über die Bedeutung des Wiges für das jüdische Volk selbst; er ist das große literarische Mittel des Ausdrucks, der Klage, der Bache, der Selbstkritik, des Trostes, der Befreiung. Eine interessante Bolle spielt aber auch der jüdische Wiß innerhalb der nichtjüdischen Umwelt; zwischen Juden und Nicht-Juden. Da ist vor allem zu bemerken, daß der jüdische Witj vielleicht die einzige Leistung des Juden ist, welche durchaus anerkannt wird, und zwar als spezifisch jüdische geistige Leistung anerkannt wird. Man hat uns ja schon alles wegzudisputieren versucht; die Bibel — so sagt man, — sei babylonischen Ursprungs; die jüdische Musik sei eigentlich slawisch, der Zionismus sei nichts als eine Beaktion auf den Antisemitismus; die jüdisch-nationale Idee sei eine Assimilation an die übrigen Völker usw. Der jüdische Wig aber ist unangetastet, ist jüdisches Eigentum geblieben. Ja man versucht ihm sogar nachzuahmen, und zwar bewußt als jüdischen Wiß — und man sucht ihn jüdisch zu erzählen, oft gut, öfter schlecht. Und — noch interessanter — ebenso verhalten sich die entjudeten Juden zum jüdischen Witj. Auch sie erkennen ihn als jüdische Eigenart an; auch sie glauben an ihn. Selbst jene Juden, welche nichts mehr vom Judentum halten — und dieses Wort möge hier in seiner doppelten Bedeutung genommen werden, sowie man etwas von Goethe, oder etwas von den Speisevorschriften hält — halten etwas vom jüdischen Witj (auch in dieser doppelten Bedeutung). Sie schämen sich seiner nicht, sie verstehen ihn noch immer,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.