Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 202)
- Language
- German
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200 Felix Weltsch auch wenn sie sonst nichts vom Judentum verstehen, sie erzählen gern jüdische Witje, ja wenn sie solches tun, blüht gleichsam noch der letjte Rest vom Judentum in ihnen auf. Aber — die Rolle des jüdischen Witjes im Verhältnis zu Judentum und Umwelt hat auch eine negative Seite. Wenn der Jude sich im Witje selbst herabsetjt, so geschieht dies in der Regel aus Selbstkritik, indem mit Hilfe des Witjes die Hemmung der Eitelkeit überwunden wird. Dies benütjt oft die Umwelt in böser Absicht; sie verwendet den vom Juden gelieferten Witj, um den Juden herabzusehen; aber sie tut das nicht etwa, weil hier der Witj geholfen hat, die Eitelkeit zu überwinden, sondern weil hier der Witj hilft, Regungen der Anständigkeit und der Menschlichkeit zu überwinden. Dem entspricht aber auch auf Seite der Juden eine negative Seite der selbstkritischen Witje. Es sind jene jüdischen Witje, welche jüdische Komiker in selbstherabsetjender Weise reißen, um ein nichtjüdisches Publikum antisemitisch zu amüsieren. Hier handelt es sich nicht mehr um befreiende Selbstkritik, sondern um erniedrigende nationale Prostitution. In dieser schädlichen Anwendung ist der Sinn des Witjes in sein Gegenteil verwandelt worden ... Solche Perversion darf uns freilich den Blick auf die positiven Seiten des Phänomens »Jüdischer Witj« nicht verschleiern. Witje sind Befreiungsakte — wenn auch nur im Kleinen, Gewiß, sie sind kein Ernst. Wiße sind keine Taten. Sie sind Spiele; aber Spiele unserer höchsten Fähigkeit, unseres Bewußtseins; ausgestattet mit allen hellen Vorzügen des Bewußtseins: Überlegenheit, Einsicht, Freiheit. Sie sind ungezogene, aber echte Kinder des Geistes.