Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 197)
- Language
- German
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Der jüdische W i {5 195 zeigt, daß der Witj ein Mittel ist, Hemmungen zu beseitigen. Aber mag die spezielle Erklärung Freuds riehtig sein oder nicht, jedenfalls hat der Witj die Eigenart, daß er ein Verhalten ermöglicht, das man sich ohneweiters nicht erlauben würde; der Witj erlaubt obszön, agressiv, respektlos, selbstkritisch, uneitel, ja sogar unvernünftig zu sein. Der Befreiungs-Affekt, der in der Erkenntnis einer Witj- Pointe liegt und sich im befreienden Lachen entlädt, macht auch die Hemmungen der Scham, der Angst, der Eitelkeit und des Verstandes frei; die Erschütterung reist gleichsam im Nebeneffekt auch diese Dämme ein. Hier hat nun der jüdische Witj ein reiches Angriffsfeld. Er leistet sich das Höchste an Respektlosigkeit; alle respektheischenden Personen und Institutionen sind ihm unterworfen: Der Reiche, der General, der Nicht-Jude, der Arzt, der Richter ■— ja auch die Religion, und selbst vor sich selbst und auch vor Gott macht der Jude im Witj nicht halt. Hier ließe sich eine Unmenge von Witten anführen, welche die erwähnten Autoritäten zur Zielscheibe haben. Gegen die Reichen richtet sich eine große Anzahl von Witjen; hier stehe nur die sehr bekannte, grausame Erzählung, wie jener Kommerzialral, den ein Bettler Zuhause herzzerreißend anweint, den Diener ruft: »Jean, schmeiß ihn hinaus, er zerbricht mir das Herz!« Der Nicht-Jude als Objekt: Der kleine Moriß wird gefragt, was er in der Schule gelernt halte. »Vom Tausendfüßler.« — »Was ist das?« — »Ein Tier, das tausend Fuße hat.« — »Wer hat sie gezählt?« —- »Wer wird sie gezählt haben?, — die Gojim!« Oder: Ein Kommis Hißt sich zum Arger seines Chefs taufen; als er ihm nächsten Tag einen fehlerhaften Brief vorlegt, sagt der Chef: »24 Stunden lang ist er ein Goj, und schon ist er ein Esel!« 13«