Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 195)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4919024-4919797--0770-4919992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jüdische Wilj 193 4. das rasche Tempo, 5. die weit auseinanderliegenden Gedankenreihen, 6. die versteckte Klammer, . 7. die Weltanschauung, 8. die schlagende Tendenz. Tatsächlich läßt sich hier eine gewisse Beziehung zwischen dem jüdischen Volk und dem jüdischen Wiß feststellen. Es sind die psychologischen Eigenschaften des jüdischen Volkes — aber auch seine Situation, die es befähigen, diesen Anforderungen eines guten Witjes zu entsprechen. Die Juden sind ein Volk der Antithesen, ein Volk der Gegensätje; die Haupteigenschaft ihres Denkens ist einen Gedankenweg bis zu Ende zu gehen. Ihre Philosophen stehen an den Eckpunkten der großen Gedankenreihen. Sein und Werden. Monismus und Dualismus usw. Und so ist es dem Juden auch leicht möglich, möglichst extreme Gedankenreihen im Witj zu vereinigen. Seine Kombinationsfähigkeit bringt es mit sich, daß ihm auch die originellsten Klammern einfallen, welche diese weitentlegenen Welten im Witj miteinander verbinden. Rasches Denken, leicht abstrahierendes Denken, rasches Verfolgen einer Gedankenreihe, Komhinationsfähigkeit — diese Eigenschaften der Psyche sind günstige Vorausseßung für die Technik des Wißes. Die Erkenntnisfunktion des Witjes kommt einer bekannten Eigenschaft des jüdischen Denkens entgegen: die Darstellung durch die Anekdote. Es ist die Darstellungsform des Talmud und der jüdischen Religionsphilosophie. Die Methode einen Gedanken durch vollkommene Vereinfachung auf die einfachsten Linien zu bringen, und dieses Gerüst dann mit einer Erzählung aus dem einfachen, gewöhnlichen Leben zu verkleiden. Das ist ja auch die Methode des weltanschaulichen Wittes. Was aber die Tendenz des Witjes betrifft, so ist das jüdische Volk durch seine welthistorische Situation zu dieser Art von Ausdrucksform prädestiniert. Denn der W'it? ist das wichtigste literarische Mittel eines unterdrückten Volkes. Der Witj ist die Waffe des körperlich Schwachen und geistig Starken. In der letjten Phase des jüdischen Unglücks — in der großen deutschen Judenverfolgung unter Hitler — hat der Witj eine ungeheure Rolle gespielt, welche spätere Kulturhistoriker erst richtig aufdecken wer- 13