Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 192)
- Language
- German
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190 Felix Weltsch großen psychologischen Aufwand vor; kommt nun statt des Großen etwas Kleines, Unbedeutendes, so ist das Vorbereiten des großen Aufwandes überflüssig, er ' wird frei. Dieses Freiwerden überschüssiger psychologischer Energie ist lustbetont und entlädt sich im Lachen. Die Theorie Siegmund Freuds wiederholt dieses Motiv des psychischen Aufwands an Ersparnis nur deutlicher und mit psychoanalytischer Begründung. Freud zeigt, wie diese Ersparung sowohl in der Technik als auch in der Tendenz des Witjes liegt. Das, was wir Klammer nannten, erscheint bei ihm auch als eine Ersparung, indem eben ein Wort für verschiedenes verwendet, durch wenig Material also Vieles erreicht wird. Diese Erfahrung ist lustvoll. Uns scheint dieser Gedanke nicht vollkommen einleuchtend zu sein. Was die Tendenz betrifft, so ist hier Freud viel tiefer gedrungen; hier führen die Erkenntnisse der Psychoanalyse weiter als es vorher möglich war. Der Witj hilft uns, so lehrt Freud, Hemmungen zu überwinden. Mit Hilfe des obszönen Witjes dürfen wir unanständig sein, es fällt also die Hemmung der Scham weg, mit Hilfe des agressiven Witjes dürfen wir agressiv sein, es fällt die Hemmung der Furcht weg. So richtig diese Darstellung ist, so befriedigt wieder die Zurückführung auf eine Ersparung nicht; Freud meint: indem diese Hemmungen beseitigt werden, werde eine psychische Ersparung erzielt; und diese sei es, die uns Lust bereitet. Von anderer Seite geht Henri Bergson das Problem an. Nach seiner Auffassung entsteht Lachen überall dort, wo innerhalb des wachen, gespannten, auf neues vorbereiteten Lebensstromes etwas Starres, Mechanisches, Maschinenmäßiges auftritt. Dort, wo der Mensch sich nicht dem Leben anpaßt, sondern starr, träge, mechanisch, wie ein Automat sich benimmt, entsteht ein Kontrast zwischen ihm und der Wirklichkeit, den wir komisch empfinden und über den wir lachen. Wenn man einem Menschen, der sich setjen will, den Stuhl wegzieht, und er paßt sich nicht lebendiggeschmeidig der neuen Situation an, sondern plumpst hin, so lachen wir. Stellungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers sind in dem Maße komisch, als uns dieser Körper damit an einen bloßen Mechanismus erinnert. Bergson glaubt also in allem Komischen, demnach auch im Witj, stets einen Gegensaß zwischen Leben und Auto- I