Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 189)
- Language
- German
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Der jüdische Wiß 187 daß wir mit unserem wachsenden Bewußtsein auch das Gebiet der Physiologie von innen her allmählich erleuchten könnten. Aber heute sind wir noch nicht so weit. Vorläufig sind wir hier noch auf Analogieschlüsse angewiesen. Das Lachen ist ein Reflex; es geschieht unwillkürlich. Reflexe haben im allgemeinen einen physiologischen Zweck. Sie regulieren die Blutzufuhr, beseitigen, wie beim Nießen und Husten, Störungen in den Schleimhäuten usw. Es ist anzunehmen, daß auch das Lachen physiologische Störungen beseitigt, welche durch gewisse psychologische Erlebnisse, wie es etwa der Gedankenchoque eines Witjes ist, entstanden sind. Es könnte sein, daß die psychische Anstrengung, welche die durch die Klammer entstandene Ungereimtheit, der Widerspruch, das Zusammensein des nicht Zusammengehörigen, das Nichtverstehen und doch Verstehenwollen, gewisse physiologische Folgen hat, welche dann, nachdem plötjlich das Hindernis beseitigt ist, rasch abgeleitet werden — durch das Staccato-Atmen des Lachens. Dies mag wohl der Sinn der Begriffe des Entladens, der Abfuhr, der Befreiung sein, welche mit dem Lachen verbunden ist. Von der Frage nach der Physiologie des Lachens ist das Problem zu unterscheiden: Woher kommt dieLust am.Witj? Diese ist nun sicherlich nicht mit einem Satj zu beantworten. Denn fraglos ist die Lust am Witj aus verschiedenen Elementen zusammengesetjt. Eine Quelle ist gewiß die Befreiung von einer seelischen Last, von einer Hemmung, die Lösung einer Schwierigkeit; dazu kommt das angenehme Gefühl einer physiologischen Befreiung, als die wir das Lachen erkannt haben. Dann kommen höhere geistige Freuden hinzu: Erkenntnislust, die umso größer ist, je größere Tiefe der Witj hat; aesthetische Lust, das Vergnügen an der Güte eines Witjes. Weiters bei einem Tendenzwitj das Vergnügen an der Agression oder an der Rache. Der wesentlichste Kern dieser Lust erscheint mir aber die Lust an einer freien Bewegung des Geistes. Wie fest ist unser Denken doch im allgemeinen an die Lebensnotwendigkeiten gefesselt! Zum größten Teile dient der Geist dazu, die Widerstände des Lebens zu bewältigen. Darum ist er fast immer auf diese eingestellt; aufmerksam muß er ihnen folgen, um mit ihnen zu ringen; hier, im Witj, kann er sich ein wenig erholen. Hier kann er mal einen Sprung machen. Denn der Witj ist eine eigenwillige,