Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 175)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4919024-4919797--0750-4919972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Chelmer Geschichten 173: Man wußte sich lange keinen Rat, wie das zu hindern «ei und sah schließlieh ein, man müsse ohen auf dem Bergeinen Wächter hinsetjen, mit einem Schofar in der Hand. Sohald der Messias auf der Chaussee auftauchte, sollte der Wächter anfangen zu blasen und Chelm würde dein Erlöser dann entgegengehen und ihn mit Gewalt in die Stadt bringen und nicht von ihm lassen, bis er sie mitnähme. Der Wächter wachte einen ganzen Sommer lang mit dem Schofar auf dem Berge. Als es aber zum Winter ging, wurde ihm kalt und er verlangte von der Gemeinde eine Zulage, damit er sich da oben Feuer machen könne. Er bekomme nur zehn Rubel und das sei, sagte er, kein Gehalt. Der Gemeinderat sah das im Grunde auch ein. Aber er erhöhte trotjdem dem Wächter seine Bezüge nicht. Er beschied ihn vielmehr so: »Zehn Rubel ist zwar wenig, aber dafür ist die Stelle eine Lebensstellung und der Wächter darf sie seinen Kindern und Enkeln vererben, bis ans Ende aller Zeiten. Es; ist eine ewige Stellung.« DIE NEUZEIT BRICHT EIN. In diesen armen Zeiten, vor etwa 50 Jahren, kam die Neuzeit nach Chelm. Man baute eine Eisenbahn nach Brisk. Als sie zum erstenmal abfuhr, kündigte die Direktion an, sie gewähre allen eine Reise von Chelm nach Brisk umsonst. Ganz Chelm fuhr. In Brisk angekommen, wollte man wieder zurückfahren, aber das war, natürlich, schon nicht mehr umsonst. Und daran hatte Chelm vergessen. Damals teilten sich die Chelmer in drei Lager. Die einengingen zu Fuß nach Chelm zurück, die anderen verkauften ihre Oberkleider, besorgten sich Billetts und fuhren in den Hemden, aber mit der Bahn nach Haus. Die dritten, so wird berichtet, blieben in Brisk wohnen. Die Brisker leugnen es. SOLIDARITÄT IN DER BAHN. Seither wußten die Chelmer, daß man zum Bahnfahren ein Billett braucht. Und wie einmal ein Gemeindevorsteher eine Reise machen mußte — kaufte ihm die Stadt eine ordentliche, reguläre Fahrkarte. Mit der fuhr er lange-