Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 171)
- Language
- German
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Chelmcr Geschichten 169 »Der Arzt hat dem Rabbi Aufenthalt draußen auf dem Dorf, bei einem Bauern, verordnet und frische Luft und Nahrung.« Da zerbrach ganz Chelm sich den Kopf, was das wohl für eine Krankheit sein könne, an der der Rabbi litt. Man wußte: Gab man einem Rhizinusöl, dann hat er was mit dem Magen. Seßte man einem Blutegel, dann stach es ihn im Rücken, sprach man einem ein böses Auge ab, dann hatte er Kopfschmerzen. Aber was hatte man, wenn man aufs Land zu einem Bauern und in frische Luft gehen sollte? Es war in ganz Chelm nur einer, der das wußte. Ein Schenker, der versicherte, daß man ihm, wie seine Kuh ein Kalb kriegen sollte, genau dasselbe gesagt hatte; auch — zu einem Bauern hinausschicken, auch: frische Luft und gute Nahrung. Also konnte kein Zweifel sein: der Chelmer Rabbi war in Umständen; er sollte ein Kalb gebären. Und Chelm setjte seinen Rabbi auf eine Fuhre und brachte ihn ins Dorf hinaus und sorgte für gute Nahrung und gute Pflege in frischer Luft und kehrte zurück in die Stadt und sah dem freudigen Ereignis entgegen. Von Zeit zu Zeit kam man heraus den Rabbi besichtigen und merkte, er wurde wirklich zusehends voller und rundlicher; kein Zweifel mehr; er war schwanger. Eines Morgens, der Rabbi schläft noch im großen Bauernbett und der Schammes, der ihn pflegt, kommt behutsam mit frischer Milch von der Wiese ins Zimmer, —- da ist es schon geschehen. Vor dem Bett des Rabbi liegt ein junges Kälbchen und schimiegt sich zutraulich an die Kissen. Der Schammes läuft atemlos in die Stadt und verkündet: »Maseltow, Maseltow, das Kalb ist geboren!« Und Chelm läßt alles stehen und liegen und zieht aus, den Rabbi und dessen Jüngstes feierlich einholen. Wie man aber das Kälbchen neben dem Rabbi auf den Wagen setjen will, da stürzt der Bauer dazu und erklärt, das Kälbchen sei seins. Aber Chelm läßt sich nicht narren. Man merkt natürlich sofort, daß der Bauer sich mit dem rabbinischen Kälbchen unrechtmäßigerweise glücklich machen will und beweist ihm, wem das Kälbehen in Wirklichkeit gehört. Man stellt einen Ochsen und den Rabbi einander gegenüber. Und man kommt überein, daß derjenige, zu dem das Kälbchen hinläuft, sein rechtmäßiger Vater ist.