Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 157)
- Language
- German
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155 Esriel Carlebach: Vollständige Historie der ehrenwerten Stadt Chelm VORBEMERKUNG DES SAMMLERS. Daß auch wir unser Schilda mit seinen Schildbürgergeschichtchen haben, scheint mir mehr als unser Recht; es scheint mir — unsere Pflicht. Denn besäßen wir im Bereich unseres Witjes nicht auch den wohltuend einfältigen Schildaer Bürger, dann müßte es so aussehen, als hätten wir Juden nur den klugen, allzu klugen, überspitzen, selbstironischen, eben den bekannten »jüdischen« Witj. Chelm, unser Schilda, rehabilitiert uns und den kleinen Morift, der immer klüger ist als sein Lehrer. Chelm beweist, daß der jüdische Volksinensch genau so kindlich einfach, gesund und unkompliziert über simple Blödheiten lachen kann wie der Mensch anderer Völker auch. Chelm, ein wirklich in Kongreßpolen existierendes Städtchen, beweist das nicht nur mit seinem Dasein schlechthin, sondern mehr noch — mit seiner Popularität. Denn es ist unter den einfachen Leuten, unter der Majorität der Juden im Osten viel bekannter und die Chelmer Geschichten sind dort viel mehr gepflegt als die in der Oberschicht allein anerkannten, gepfefferten, allzu gepfefferten jüdischen Wifce. Nur jene Chelmer Geschichten, die im einfachen Volke wirklich lebendig sind, erscheinen also in dieser Sammlung; jene, die die Intelligenz den Chehnern angehängt hat, sind ausgeschlossen. Diese Mären aber erscheinen in der kürzesten Form, ohne alle erzählerische Ausschmückung, allein als folkloristisches Material. Und sie erseheinen — ohne das Wesentlichste, als Fabeln ohne Nußanwendung, als Gleichnisse ohne Parallelen. Denn diese Parallelen und Nutzanwendungen sind variabel. Das tägliche Leben gibt sie. Erst wenn der Fuhrmann, die Marktfrau, der Wasserträger der jüdischen Gasse einen Menschen seiner Umgebung mit einem Chelmer Bürger, oder ein Geschehnis seiner Umwelt mit einem Chelmer Begebnis vergleicht und so als närrisch demaskiert — ent' steht das Gelächter.