Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 143)
- Language
- German
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Eine jüdische Anekdote 141 bis zum Abend warten. Und mit dem Bissen Brot im Munde griff Frau Freiberg schnell nach Schawl und Strickarbeit und lief Hals über Kopf aus dem Zimmer; in der Türe stolperte sie über irgendeinen Semka und fragte in Eile: »Wann wird denn der Teufel dieses Kind von mir nehmen, daß er mir nicht im Wege stehe?« Der kleine Semka öffnete den Mund— man weiß nicht, ob zur Antwort, ob nur dazu, um ein wenig zu runzen — Frau Freiberg war indessen schon verschwunden. Sie flog schon über den schmalen Straßen von Wirkino und kalkulierte mit ihrem dürftigen Frauenverstand, wieviel sie wohl verkaufen werde von ihren Haarnadeln und Nadeln und was sie dabei verdienen werde... II. Neulich verfluchte Frau Freiherg, vom Markte zurückgekehrt, alle ihre Kinder in mütterlicher Unvoreingenommenheit — alle ohne Ausnahme. Den Dawidl riß sie beim Ohr, Semka wurde gestoßen, dann nahm sie den zweijährigen Arontschik zu sich und fing an gewohnheitsmäßig zu weinen. Fertig geworden mit den Tränen, fiel ihr Blick zufällig auf das von der verzehrten Butter strahlende Gesicht von Arontschik und — sie schrie auf... »Was ist das? Was ist es mit deinem Auge, mein kleines, entzückendes Hühnchen? Was ist es mit deinem Auge? Stürzen sollst du durch die Erde, räudiges Kind, welches nur trachtet seiner Mutter Schaden zuzufügen! Wehe! Sein Auge ist aber wirklich rot, wie eine Mohnblume, und die Tränen fließen wie ein Wasserfall... 0, wehe mir!« Jetjt weinten drei Augen: zwei von Frau Freiberg und eins von Arontschik; ein rotes, tränendes vom kranken Augenlid halbgeschlossenes Auge. Und daneben hüpfte auf einem Beine David und Paitschka saugte das Blut aus ihrem verwundeten Finger. Es ging höchst lustig zu. III. Am nächsten Tage wurde Arontschik's Auge zusammen mit seinem zur ganzen Welt gleichgültigen Besitzer aus der Wohnung hinausgeschleppt und dem strengen Urteile aller gutherzigen Nachbarinnen überlassen. »Junge«, fragte Frau Perlmutter, »kannst du mit diesem Auge etwas sehen?«