Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 133)
- Language
- German
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Die P r a g e r S i p p u r i m 131 Zwielichtzeit der Junge herbei und wieder nahm er, diesmal schon frecher, das Gold. Den dritten Abend ging es nicht anders. Da ließ der Rabbi den Gerichtsdiener vor sich kommen und befahl ihm, die verlorenen Dukaten gleich in allen Gassen auszuschreien; nach dem Gesetj möge der Finder den Fund unverzüglich ihm wiederbringen. Zur gleichen Stunde schon trat der Junge in Jizchaks Stube: »Euer Gnaden, Ihr habt drei Goldstücke verloren; mir hat in den vergangenen Nächten geträumt, daß ich sie vor Eurem Hause im Rinnstein finden würde. Gerne wollte ich sie zurückbringen, wie der Lehrer es befohlen hat, sobald ich sie alle gefunden hatte.« Dann löste er den Zipfel seines Tuchs, das nicht allzu rein war, und reichte ihm zwei Dukaten. »Und der dritte?« »Meine Mutter brauchte ihn im Handel, sie wird ihn Euch wiedergeben, auf Ehr und Gewissen, sobald es nur möglich ist.« »Du Narr«, sagte Jizchak, »du hättest sie behalten sollen; du weißt, daß ich reich bin, auch hat dich ja keiner gesehen.« »Davor behüte mich der Herr, sein Name sei gelobt! Hat er denn nicht durch Mose befohlen, seihst dem Feind sein verlorenes Lamm wiederzugeben?« Und er legte die beiden Münzen auf den Rand des Tisches. Da segnete Jizchak den Knaben und sprach: »Magst du nicht bei mir bleiben? Ich will dich halten als mein eigenes Kind. Essen und Kleider sollst du in Menge haben und die Lehre lernen, wie wir sie lernten von unseren Lehrern. Es wird dir Wohlergehen in meinem Hause.« »Euer Gnaden, daheim sitjt mein blinder Vater und die Mutter hockt bei den Waren bis zur Nacht. Wer sollte den Vater ins Gotteshaus führen, dreimal des Tags, wer sollte der Mutter an die Hand gehen? Und wenn Ihr mir Euer ganzes Haus schenktet, ich dürfte nicht bei Euch bleiben!« »So will ich deinem Vater einen Führer bestellen und deiner Mutter einen eifrigen Diener!« »Euer Gnaden, es ist gesagt: Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest auf Erden. Die Leute tun Dienst fürs Geld, ich kann nicht bei Euch bleiben.« »Gesegnet der Vater, der einen solchen Sohn zeugte, gesegnet der Schoß, der dich trug!« Dann hieß ihn der Rabbi den Fund behalten und fragte nach dem Namen der Eltern. »Schalum Meisel heißt der Vater, Lastträger war er, ehe er blind wurde, jetjt handelt die Mutter mit altem Eisen.« Dann lief der Junge davon. t*