Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 122)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Franz Kafka Oper dagegen ging ich häufig und später auch in das polnische dramatische Theater. In letzterem habe ich zum erstenmal die »Räuber« gesehen. Sehr überrascht hat es mich, daß man auch so schön Theater spielen kann ohne Gesang und Musik — das hätte ich nie gedacht — und merkwürdiger Weise war ich dem Franz nicht böse, vielmehr hat er den größten Eindruck auf mich gemacht, ihn hätte ich gern gespielt, nicht den Karl. Von den Kameraden in der Klaus war ich der einzige, der es gewagt hat, ins Theater zu gehen. Im übrigen aber haben wir Burschen in der Klaus uns schon mit allen »aufgeklärten Büchern« gefüttert, damals las ich zum erstenmal Shakespeare, Schiller, Lord Byron. Von der jiddischen Literatur kamen mir allerdings nur die großen Kriminalromane in die Hand, die uns Amerika in einer halb deutschen, halb jiddischen Sprache lieferte. Eine kurze Zeit verstrich, mir gabs keine Ruhe: ein jüdisches Theater in Warschau und ich soll es nicht sehen? Und ich habe es riskiert, alles auf die Karte gesetjt und ich bin ins jüdische Theater gegangen. Das hat mich ganz umgewandelt. Schon vor Beginn de*' Spiels habe ich mich ganz anders gefühlt als bei »jenen«. Vor allem keine Herren im Frack, keine Uamen im Dekollete, kein Polnisch, kein Russisch, nur Juden aller Art, langgekleidete, kurzgekleidete Frauen und Mädchen, bürgerlich angezogen. Und man sprach laut und ungeniert in der Muttersprache, ich bin niemandem aufgefallen mit meinem langen Kaftänchen und mußte mich gar nicht schämen. Gespielt hat man ein komisches Drama mit Gesang und Tanz in sechs Akten und zehn Bildern: Bal-Tschuwe von Schumor. Angefangen hat man nicht so pünktlich um acht Uhr wie im polnischen Theater, sondern erst gegen zehn Uhr und geendet erst spät nach Mitternacht. Der Liebhaber und der Intrigant haben »hochdeutsch« gesprochen und ich habe gestaunt, daß ich auf einmal — ohne von der deutschen Sprache eine Ahnung zu haben — so vortreffliches Deutsch so gut verstehen konnte. Nur der Komiker und die Soubrette haben jiddisch gesprochen. Im allgemeinen hat es mir besser gefallen, als die Oper, das dramatische Theater und die Operette zusammen-