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Jüdischer Almanach · 1936-01-01 · 5696 (1935-1936) · p. Seite 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5696 (1935-1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 119 (sequence 121)
Language
German
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Vom Jüdischen Theater 119 Mein Schweigen gefiel ihm wahrscheinlich nicht und er fügte deshalb hinzu: »Je§t, Kind, ist kein einziger Jud dort — bewahre der Himmel! Abend gleich nach Jörn Kippur geht selbst der schlimmste Jud nicht ins Theater.« Dem entnahm ich aber nichts anderes, als, daß zwar nach dem Ausgang des heiligen Jörn Kippur kein Jude ins Theater geht, daß aber an den gewöhnlichen Abenden das ganze Jahr hindurch wohl viele Juden hingehen. In meinem vierzehnten Lebensjahr war ich zum erstenmal im Großen Theater. So wenig ich auch von der Landessprache gelernt hatte, so konnte ich doch schon die Plakate lesen und da las ich eines Tages, daß die Hugenotten gespielt werden. Von Hugenotten hatte man schon in der »Klaus« gesprochen, auch war das Stück von einem Juden »Meier Beer« — und so gab ich mir selbst die Erlaubnis, kaufte eine Karte und am Abend war ich zum erstenmal im Leben im Theater. Was ich damals sah und fühlte, gehört nicht hierher, nur das eine: daß ich zur Überzeugung kam, man singe dort besser als Vetter Chaskel und maskiere sich auch viel schöner als er. Und noch eine Überraschung brachte ich mit: die Ballettmusik der Hugenotten hatte ich ja schon längst gekannt, die Melodien sang man ja in der »Klaus«. Freitag abends zum Lecho Doydi. Und ich konnte mir damals nicht erklären, wie es möglich sei, daß man im Großen Theater das spiele, was man in der »Klaus« schon so lange singt. Von damals an wurde ich in der Oper ein häufiger Gast. Nur durfte ich nicht vergessen, zu jeder Vorstellung einen Kragen und ein Paar Manschetten zu kaufen und sie auf dem Nachhauseweg in die Weichsel zu werfen. Meine Eltern durften solche Dinge nicht sehen; während ich mich an Wilhelm Teil und Aida sättigte, waren meine Eltern im sicheren Glauben, ich säße in der Klaus über den Talmudfolianten und studiere die heilige Schrift. 2; Einige Zeit nachher erfuhr ich, daß es auch ein jüdisches Theater gibt. Wie gern ich aber auch hingegangen wäre, ich getraute mich nicht, denn es hätte meinen Eltern allzu leicht verraten werden können. Ins Große Theater zur

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