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Jüdischer Almanach · 1936-01-01 · 5696 (1935-1936) · p. Seite 118

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5696 (1935-1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 118 (sequence 120)
Language
German
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118 Frau/, Kafka Kehbe fort, dann war im Clieder regelmäßig Theater, ich war Direktor, Regisseur, kurz alles, auch die Prügel, die ich dann vom Rebbe bekam, waren die größten. Aber das störte uns nicht; der Rebhe hat geprügelt, wir aber haben doch jeden Tag andere Theaterspiele ausgedacht. Und das ganze Jahr war nur ein Hoffen und Beten; Purim möge kommen und ich soll wieder zusehn dürfen, wie Vetter Chaskel sich maskiert. Daß ich dann, bis ich erwachsen bin, auch jeden Purim mich maskieren und singen und tanzen werde, wie Vetter Chaskel — das stand bei mir fest. Daß man sich aber auch außer Purim maskiert und daß es noch viele Künstler wie Vetter Chaskel gibt, davon allerdings ahnte ich nichts. Bis ich einmal von Isruel Feldschers Buben hörte, daß es wirklich Theater gibt, wo man spielt und singt und sich maskiert und jeden Abend, nicht nur Purim, und daß es auch in Warschau solche Theater gibt und daß sein Vater ihn schon einigemale ins Theater mitgenommen bat. Diese Neuigkeit hat mich — ich war damals ungefähr zehn Jahre alt — geradezu elektrisiert. Ein heimliches, nie geahntes Verlangen ergriff mich. Ich zäldte die Tage, die noch vergehen mußten, bis ich erwachsen war und endlich selbst das Theater sehen durfte. Damals wußte ich noch nicht einmal, daß das Theater eine verbotene und sündhafte Sache ist. Bald erfuhr ich, daß sich gegenüber dem Rathaus das »Große Theater« befindet, das beste, das schönste von ganz Warschau, ja von der ganzen Welt. Von da an hat mich schon der äußerliche Anblick des Gebäudes, wenn ich dort vorüberging, förmlich geblendet. Als ich mich aber einmal zu Hause erkundigte, wann wir endlich ins Große Theater gehen werden, hat man mich angeschrien: ein jüdisches Kind darf von Theater nichts wissen; das ist nicht erlaubt; das Theater ist nur für die Gojim und für die Sünder da. Diese Antwort genügte mir, ich fragte nicht weiter, aber Ruhe gab es mir nicht mehr, und ich fürchtete sehr, daß ich diese Sünde gewiß einmal begehen und, wenn ich aller sein werde, doch, ins Theater werde gehen müssen. Als ich einmal am Abend nach Jörn Kippur mit zwei Vettern am Großen Theater vorbeifuhr, auf der Theaterterrasse viele Leute waren und ich von dem »unreinen« Theater gar nicht wegsehen konnte, fragte mich Vetter Majer: »Wolltest du auch dort oben sein?« Ich schwieg.

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