Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 110)
- Language
- German
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108 0 r. Hans Lieh tw iß Meter Höhe, kann man Studien über ein schwelendes karpathorussisches Schulproblem treiben. Als das Land nach dem Umstürze der tschechoslowakischen Republik einverleibt wurde, gehörte es wohl zu den kulturell rückständigsten in Europa. Nur in den größeren Städten gab es einige ungarische Schulen, die Juden erhielten sich ihre Cbedarim, in denen nach jahrhundertealten Methoden unterrichtet wurde, sonst gab es nichts. Die große Majorität der Bevölkerung, die Ruthenen, hatte überhaupt kein Schulwerk und trug ihr Analphabetenschicksal als gottgewollt. Heute findet man schon in sehr vielen Dörfern tschechische und ruthenische Schulen. Gewiß eine große kulturelle Leistung des tschechoslowakischen Staates. Der fremde Beobachter muß allerdings den Eindruck gewinnen, daß hier zwei gleichstarke Völker siedeln, denn die Zahl der tschechischen und ruthenischen Schulen hält sich so ziemlich die Wage; wenn nicht sogar für die ersteren in manchen Belangen besser ausgesorgt ist. Die Proportion ist aber eine ganz andere: es leben 35.000 Tschechen, fast ausschließlich Staatsbeamte, Gendarmen, Finanzer und — 450.000 Ruthenen, meist Bauern und Arbeiter im Lande. In den Dörfern gibt es nur ganz wenige tschechische, dagegen sehr viele ruthenische Kinder, die ihre Eltern in ruthenische oder überhaupt keine Schulen zu schicken bereit sind. Man rechnet: Für drei bis zehn Kinder steht die Errichtung und Erhaltung einer tschechischen Schule nicht dafür, es fehlen auch die gesetzlichen Voraussetzungen; man braucht da mindestens zwanzig weitere Schuler. Die ruthenische Jugend kommt nicht in Frage. Also — bleiben nur die jüdischen Kinder, deren große Zahl man ansonsten nicht gerade mit Wohlgefallen zur Kenntnis nimmt. Aber zur Auffüllung der Klassen? Ja, das ist ein Ausweg. Man frägt nicht nach den eigenen Schulinteressen und — Plänen der Juden, bringt diesen von nun an sogar einen größeren Widerstand entgegen. Man kümmert sich auch nicht um die Sorgen und oft fast unlösbaren Probleme der jungen tschechischen Lehrer — jüdische Lehrer gibt es an diesen Schulen, die am Schabbatb und an den jüdischen Feiertagen mangels Schüler schließen müssen, nicht — die man aus dein Westen hierher verpflanzt und die die große Mehrheit ihrer Schüler nicht verstehen, dem Milieu, aus dem diese jüdischen Kinder kommen, meist völlig verständnislos oder gar ablehnend gegenüberstehen; die sich den Unterricht an einer tschechischen Schule bestimmt ganz anders