Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 109)
- Language
- German
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Karpatliortissische Rhapsodie 107 Wittin, ihr Sohn habe es unterlassen, dem Rabbi »ein Bier zu stellen«. Die arme Frau versucht ihm klarzumachen, daß ihr Sohn schon seit Monaten ohne Arbeit sei und nichts verdiene. Dabei müsse man schon genug Steuern — ganz zu schweigen vom Staat — an die heimischen Rabbiner abliefern, jede Ware bedarf ihrer Bewilligung, die die Kosten des Lebensunterhaltes beträchtlich in die Höhe schraubt; bei einem Kilogramm Fleisch beträgt diese Abgabe allein Ke 3.—. Vergeblich, sie stößt auf taube Ohren. »Man muß doch dem Rebbe ein Bier stellen...« Und abends verläßt der hohe Besuch den Ort. Es hat sich trotj allem gelohnt. Ob er aber mit ruhigem Gewissen — wenn ihn schon nicht die Not dieser Menschen bedrückt, die sich seinetwegen in den kommenden Tagen noch mehr werden einschränken müssen — den Inhalt der Quittlach weitergeben können wird? Früher handelte es sich da meist um harmlose Dinge: Bitten um ein Kind, um einen anständigen und frommen Bräutigam für die Tochter, um Sonne oder Regen; heute aber, — wird der Rabbi um eine stärkere Zertifikatszuteilung für die CSR beten können, wenn auf den Quittlach jenseits der Grenze eine solche für Polen gefordert wird? Wird er sich für einen günstigen Handelsvertrag der CSR mit Ungarn einsetzen dürfen, ohne mit seinen Pflichten als polnischer Patriot in Konflikt zu geraten? Und beißt es nicht an den Grundfesten seiner eigenen Existenz rütteln, wenn er den mit zitternden Händen aufgeschriebenen Wunsch, »man möge die Sinovirer Juden schon endlich vor allen unnütjen Steuern und Abgaben bewahren«, verdolmetschen sollte? WAS DAS GÄSTEBUCH AM MENCüL VERRÄT. In der Schlißbütte am Mcncul in den Weißen Karpathen liegt ein Gästebuch auf. Touristen und Skifahrer tragen ihre Namen ein, Dichterlinge versuchen ihre Kunst. Beim flüchtigen Durchblättern fallt der Blick auf eine Eintragung: »Ceskä obeanskä skola, Jasina.« Ein Schulausflug, Buben und Mädeln haben sich hier in kaligraphischer Manier verewigt. Wie heißen sie? Feinermann, Grünberg. Rosenthal, Morgenbesser, Herscbkowits, Adlerstein usw. Unter zwanzig von ihnen findet man kaum zwei bis drei tschechische Namen. Du blätterst weiter: Volksschub; Rachov, Klassen aus der näheren und weiteren Gegend, überall die gleiche Beobachtung. Hier oben, in über 1300