Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Dr. Hans Lichtwig von der polnischen Seite her auch ein Rabhi mit seinein Gefolge nach Sinovir. Und für den war die Fahrt wahrlich lohnend, nicht nur vom Standpunkt des Landschaftsbetrachters. Es war eine jener üblichen Reisen, die von zahllosen Rabbinern diesseits und jenseits der Grenze unternommen werden, bis in die legten jüdischen Dörfer, die sich solch hohen Besuch als große Ehre anrechnen müssen. Der Rabbi sucht das Beth Haniidrasch auf, nimmt am Gottesdienst teil, hält mitunter eine belehrende Predigt und nimmt — der Hauptzweck seines Kommens —• »Quittlach« entgegen, Zetteln, auf denen Juden und Jüdinnen ihre Wünsche niederschreiben, die via Rabbi zu Gott gelangen sollen. Der Rabbi nimmt sie mit sich und wird all die Wünsche in sein Gebet einschließen. Die Chance, erhört zu werden, soll in diesem Fall, da doch ein so frommer und so gelehrter Mann viel näher zu Gott steht, als die einfachen Juden von Sinovir, bedeutend größer sein. Zum Dank für dieses selbstlose Entgegenkommen bringt man ihm eine kleine Gabe mit: eine Gans, eine Henne, Wein und was sonst noch im Hause aufzutreiben ist. Der Rabbi bewirtet damit seine Gäste und führt den Rest, der nicht immer klein zu sein braucht, heim. In der guten alten Zeit mag diese Naturalbesteuerun.^ durch reisende Rabbis gar nicht schwer, meist sogar als wirkliche Ehre empfunden worden sein. Heute bereitet sie den frommen Hausfrauen viel Sorge. Fast das ganze Dorf lebt von der Holzausfuhr und steht und fällt mit ihr. Die Grenzen nach Ungarn, dem Hauptexportland, sind so ziemlich geschlossen, die zahllosen Flöße der früheren Jahre von der Theiß verschwunden, in den Forsten ruht fast jegliche Arbeit. Die Kaufkraft der Bevölkerung nähert sich bald dem Nullpunkt, der Holz- und Gemischtwarenhandel, durch ein ganzes Zeitalter in den Händen der Juden, droht zu versiegen. Dazu kommen noch die von den Agrariern in den meisten Dörfern forcierten ruthenischen Konsumvereine, die mit nationalen Parolen und staatlicher Förderung Kundenfang betreiben. Ein tschechischer Kaufmann hat sich vor nicht allzu langer Zeit niedergelassen und eine große Tafel »Svüj k svemu« angebracht.. . Kurz, viel ist hier nicht mehr zu holen und doch geht der Gabbe des gastierenden Rabbi mit gestrenger Miene durchs Dorf und erteilt harte Verweise, wo man nach seiner Meinung seinem Herrn nicht die gebührende Achtung gezollt hat. Vorwurfsvoll wendet er sich an mein*;