Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 90)
- Language
- German
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88 Kunstpflege in Tel-Aviv. Von Dr. Karl Schwarz, Direktor des Museums Tel-Aviv. Tel-Aviv, diese einzigartige jüdische Stadt, die innerhalb von fünfundzwanzig Jahren aus einem kleinen Villenvorort von Jaffa zu einer der lebendigsten und zukunftsreichsten Handels- und Industrieplätje des vorderen Orients geworden ist, entwickelt sich in einem Tempo, das nicht nur mit dem Worte »prosperity« zu erklären ist. Was sich hier vollzieht, ist das Werden einer Kultureinhcit, ist die Konzentration von Kräften, deren Wirken sich allmählich immer mehr unter der Oberfläche der räumlichen und rein materiellen Ausdehnung bemerkbar macht. Und es verlohnt sich wohl, einmal einen Blick auf diese kulturellen Strömungen und Bemühungen zu werfen. Die Berichte, die sich mit den Dingen Palästinas — und insbesondere mit dem neuen jüdischen Palästina — beschäftigen, geben fast immer nur das äußere Bild wieder. Man hört von erstaunlichem Wachstum, von Neugründungen, zeitweilig auch von politischen Auseinandersetjungen und den schwierigen Einwanderungsverhällnissen; selten nur von dein geistigen Unterbau, der in Wirklichkeit doch das Ausschlaggebende und Bestandverspreehende ist. Es bedarf schon einer ziemlich genauen Kenntnis der Verhältnisse und psychologischen Erfassung von Land und Volk, um die wahren Ursachen und tieferen Triebkräfte zu erkennen, die schließlich das Richtunggebende sind und einen schweren Kampf zwischen einer ängstlich und kleinlich am Alten haftenden, heute noch ziemlich starken Bevölkerungsschicht und den kulturell aufbauenden, sozial und national Vorwärtsstrebenden darstellen. Es ist ein Glück für die in so vielseitigem Wenk'n begriffene Stadt, daß sie in ihrem Bürgermeister Dizengoff einen weitblickenden Mann besitzt, der sich wie kein anderer dieser grundlegenden Daseinsfragen bewußt ist. Er ist mit allen Mitteln bemüht, auch das kulturelle Leben in großzügiger Weise zu unterstützen. Wenn dieses jüdische Aufbauwerk fest gegründet und von Bestand sein soll, müssen, wie es Dizengoff immer wieder gefordert hat, auch die geistigen Kräfte stärker als bisher gefördert werden.