Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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K i 1) 1) u z G111 ii j o t h 85 zweifellos die größte Mühe gehen, in die Kultur des betreffenden Volkes einzudringen. Er ist gehildet genug und anpassungsfähig genug, um in kurzer Zeit den Geist des neuen Wirtsvolkes in sieh aufzunehmen. Denken wir uns aher denselben Juden nach Albanien eingewandert, so wird er entweder die Sprache des Landes überhaupt nicht oder nur notdürftig für den täglichen Gebrauch erlernen, weil er seine Kultur für inferior ansehen und sich daher keine Mühe geben wird, sie sich anzueignen. Das ist nun das Schlimme: Der Jude wandert jetjt nach Palästina ein, wie er nach Albanien einwandert. Er hält fest an dem Glauben an die Superiorität seiner heimatlichen Kultur. Die jüdische Kultur kennt er nicht, von der hebräischen Kultur unserer Tage nimmt er keine Notiz. Vielleicht ist an dieser Einstellung nicht der Einwanderer allein schuld, sondern auch die hebräische Kultur selbst, welche in den legten Generationen einen tiefen Einschnitt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit gemacht hat und selbst den Weg zu den Müttern nicht gefunden hat. Sie bemühte sich um jeden Preis europäisch zu sein und es ist kein Wunder, daß zum Beispiel der deutsche Jude nicht an die hebräischen Quellen gehen wird, um Aufsäge über Thomas Mann oder einen anderen deutschen Dichter zu lesen. Ein großer Teil der neuen hebräischen Literatur ist aber auf europäischem Boden gewachsen. (Agnon ist hier die große wegweisende Ausnahme von der Begeh) Mit der neuesten hebräischen Literatur allein, so sehr wir sie lieben mögen, werden wir für die deutschen Juden kein »Nachahmungszentrum« errichten; sie kann gegen die Konkurrenz der deutschen Kultur nicht aufkommen. Ganz anders aber wird das Bild, wenn wir die hebräische Sprache und ihr Schrifttum in seiner ganzen Entwicklung betrachten. Selbst wenn wir von der Bibel absehen, die schon allen Völkern gehört, und »nur« das nachbiblische Schrifttum betrachten, werden wir getrost sagen können, daß es an Tiefe der Gedanken und Reichtum des Gefühls hinter keinem europäischen Schrifttum zurücksteht. Freilich: Der Weg dahin ist nicht leicht. Auf der Linie des geringsten Widerstandes liegt es nicht, sich den Weg zum Talmud oder zur Agadah oder zu Raschi oder zu den genialen Dichtern des Mittelalters zu bahnen. Aber dafür winkt der heißen Bemühung herrlicher Lohn. Diese Über> zeugung zu verbreiten, das wiedererwachte Interesse am Hebräischen diesem Schrifttum zuzuführen, ist aktuellste Aufgabe. Man glaube ja nicht, daß es hier um geistige