Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 86)
- Language
- German
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84 Hugo Bergmann nicht in das Leben einbauen und wirkte nur negativ und störend im Prozeß der gegenseitigen Annäherung und Angleichung. Die Kultur des neuen Jischuw, die bei allen Schwächen immerhin ein einheitliches Gebilde war, wurde durch den Einfluß der neuen Einwandererwellen zum großen Teil hinweggeschwemmt. Palästina ist ein Babel von Sprachen lind Stilen geworden. An die Stelle der Sammlung der Zerstreuten — des Kibbuz Galujoth — trat eine Zerstreuung der Gesammelten. Das Landsmannschaftsprinzip hat sich als stärker erwiesen als wir angenommen hatten. Der Jischuw machte der deutsehen Einwanderung Zugeständnisse, die er keiner früheren gemacht hatte. Als 1922 Holitscher in Jerusalem in einer Versammlung einen deutschen Vortrag hielt, der ins Hebräische übersetzt wurde, reagierte Ben Jehuda sofort mit einem scharfen Artikel, der das Ereignis als »Skandal« (schaarurijah) anprangerte. Heute ist es selbstverständlich geworden, daß man den deutschen Einwanderern erlaubt, deutsche Versammlungen ohne Übersetzung abzuhalten und in deutschen Plakaten anzukündigen. An sich wäre diese Toleranz des Jischuw sehr zu begrüßen, wenn sie eine Übergangsmaßregel wäre. Aber es besteht die Gefahr, daß das Provisorium zum Definitivum wird. Trotjdem anerkannt werden muß, daß von einem großen Teil der deutsehen Einwanderer mit rührender Energie Versuche gemacht werden, Hebräisch zu lernen, und trotjdem insbesondere auf dem Lande die Hebraisieruhg sehr große Fortschritte gemacht hat, so sind in den Städten die Erfolge doch relativ gering und vor allem: auch der Strebsamste erreicht in der Kegel nur die Stufe des Hebräischsprechens oder bestenfalls des Zeitunglesens, aber so gut wie keiner findet den Weg zum hebräischen Buch, das heißt aber in die Atmosphäre des jüdischen Geistes. 4. Wir sprachen von dem tlberlcgenheitsgef ühl des neuen Einwanderers gegenüber der hebräischen Kultur. Hier liegt wohl die tiefste Wurzel des Übel«, Der nach Palästina eingewanderte mitteleuropäische Jude erwartet vom hebräischen Kulturkreis keine Bereicherung. Wenn dieser Jude, nach Frankreich oder England einwandert, wird er nicht nur in einem Jahr die Sprache erlernen, er wird sich