Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 52)
- Language
- German
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so Esriel Carlebach Das ist das Bewußtsein, das von Schmarja Lewin beseeligend auf Juden und jüdische Massen an der Altersgrenze der Verkalkung übersprang und Leben aus ihnen weckte. Die Schicksale seines Lebens haben ihm wesentlich dazu geholfen, daß nichts Jüdisches ihm fremd war und daß er als Persönlichkeit wirklich den Juden in allen Spielarten seines Habitus repräsentieren konnte. Sein Vater war ein trockener, rationalistischer Misnaged in einem kleinen Städtchen im Minsker Gouvernement und seine Mutter stammte aus einer gefühlsbegabten chassidisclien Familie. Auch das Städtchen Sliwowitsch selbst lag, sozusagen, an beiden Flüssen russisch-jüdischer Welteinstellung. Es war so voll an kleinstädtischen Kuriositäten wie an lebendigen Denkmälern uralter Weltweisheit, es kannte exaltierte Feste genau so wie unterm Reglement eines strengen Gottes-Dienstes stehende Arbeitstage. Beides floß für ihn harmonisch ineinander zu einem altjüdischen Ganzen und bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr wußte er von keinem Riß weder innerhalb der jüdischen Welt noch an ihrer Peripherie, dort wo die außerjüdische Welt nie eingrenzt. Erst dann, zu Beginn der siebziger Jahre, kommt er auf die Realschule nach Minsk und mitten hinein in die kleinen Zellen junger jüdischer Intellektueller, die von Mapus ersten hebräischen Romanen, von Smolenskin und all dem was sich damals Haskala nennt, überwältigt werden. Es sind junge Leute, denen ihr Selbstbewußtsein nun daher stammt, daß sie etwas Zusätzliches wissen, etwas was ihre Väter und die Masse nicht besitzen und die deshalb glauben, Wissen sei Macht und eine Macht, mit der man die Situation des jüdischen Volkes ändern könne. Sie gehen, um Besitztum zu vergrößern, ja um es zu Ende zu erwerben (denn sie meinen, Wissen sei endlich und höre beim Doktorgrad der Philosophie auf) nach Deutschland. Schmarja Lewin — erst nach Königsberg, später nach Berlin. Sie hungern und studieren. Aber sie erkennen gerade an diesen Universitäten in den Jahren des wiedererwachenden Antisemitismus, daß kein Bildungsniveau die Existenz der Judenfrage aufhebt. Unter dem Eindruck von ein paar antisemitischen Versammlungen, denen sie in Berlin beiwohnen (in Berlin!, für sie etwas vollkommen unvorstellbar gewesenes) finden sie sich in dem berühmten Verein der mssisch-jüdischen Studenten